Blockaden lösen keine Probleme

28. Mai 2006, 19:59
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Nicht nur die wirtschaftspatriotischen Franzosen haben die Lust an manchen Begleiterscheinungen der Globalisierung verloren - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Gefährliche Schutzreflexe" ortet Der Spiegel, wenn er die jüngste Protektionismuswelle moniert. Nicht nur die wirtschaftspatriotischen Franzosen, sondern auch Vorreiter einer offenen Weltwirtschaft wie die USA haben die Lust an manchen Begleiterscheinungen der Globalisierung verloren. Die Übernahme von US-Häfen durch Dubais Port World konnte politisch vereitelt werden. Und selbst das liberale Luxemburg überlegt, wie es Mittals Übernahme von Arcelor unterbinden kann.

In der Auseinandersetzung von Alstom/Siemens sagte Nicholas Sarkozy: "Es ist nicht das Recht des Staates, Alstom zu unterstützen. Es ist seine Pflicht!" Das "Pflichtbewusstsein" nimmt weltweit epidemische Züge an. Italien erwägt einen Einfuhrstopp für chinesische Textilien - und geißelt zugleich die Abschottung Frankreichs in der Energie- und Polens im Bankensektor (Unicredit); Spanien bringt neue Gesetze gegen das E.on-Offert für Endesa in Stellung.

Die Globalisierungsrevolution scheint ihre Kinder zu fressen: Der ökonomische Grundpfeiler des Liberalismus, dass von freiem Handel alle profitieren, gerät unter Akzeptanzdruck - mit gefährlichen Folgen. Was ist der richtige Weg für eine vernünftige und akzeptierte Globalisierung?

1. Protektionismus schwächt Wachstum: Das Außenhandelsdefizit der USA ist das Königsargument für Protektionisten. Faktum aber ist, dass 56 Prozent der Top-Ökonomen darauf hinweisen, dass Protektionismus das Wachstum verringert und sogar acht Prozent von einem signifikanten Negativeffekt ausgehen. Mit dramatischen Folgen für den Arbeitsmarkt. Länder wie Österreich verdanken ihre positive Entwicklung auch der Öffnung der Ostmärkte: Nur dadurch konnte sich die BA-CA einen Sonderstatus in der Unicredit sichern.

Die Erfolgstories von Erste Bank, Raiffeisen International, Wienerberger und OMV wären bei stärkeren Schutzreflexen unmöglich gewesen. Bei Auslandsinvestitionen von sechs Mrd. Euro im Jahr steht für Österreich viel auf dem Spiel.

2. "Nationale Champions" als Vorstufe: Es ist zwar nicht wirtschaftlich das Beste, aber das akzeptabelste, wenn die Konsolidierung zunächst national erfolgt. So konnte durch die innerösterreichische Konsolidierung des Biermarktes die Brau Union entstehen und sich später als Heineken CEE behaupten. Dass in Ländern wie Frankreich nationale Champions weit oben auf der politischen Agenda rangieren, zeigt sich in der Reaktion auf die Enel-Offerte für Gaz de France, die prompt eine Fusion mit Suez einleitete. In der weltweiten Konsolidierung von strategischen Industrien ist innerhalb Europas eine Arbeitsteilung sinnvoll, wenn dadurch identitätsstarke Unternehmen entstehen, die für grenzüberschreitende Fusionen in der nächsten Phase gewappnet sind.

3. "Globale Champions" als Innovationsmotor: In vielen Wachstumsbranchen hängt die Wettbewerbsfähigkeit von der globalen Präsenz und Größe ab. Das gilt nicht nur für Pharma und Halbleiter, sondern auch im Automobil- und Kfz-Zulieferbereich oder bei Konsumgütern. Derzeit variiert der Konsolidierungsgrad gewaltig. Am höchsten in Branchen wie Biotech und Software, am niedrigsten bei Banken und im Maschinenbau. Grund ist die Höhe der Investitionen, um kontinuierliche Innovationen sicherzustellen.

Jedes Unternehmen muss sich die Frage stellen, wie es am Innovationswettbewerb mit eigenen Fähigkeiten und der eigenen Größe partizipieren kann. Freie Märkte sind keine himmlische Gabe - ohne Regeln kein fairer Wettbewerb. Entscheidend ist, wie gut es der Politik gelingt, mit der Entwicklung Schritt zu halten. Blockaden und Abschottung lösen keines der Probleme, die europäische Volkswirtschaften ebenso wie die amerikanische belasten. Im "Wettbewerb der Nationen" zählen die besten Bedingungen - nicht die höchsten Barrikaden.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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