"Polska Delicatessen" bei den Briten

17. März 2006, 19:05
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Die Kleinstadt Crewe, ein typischer Fall für offene englische Türen

Das Beste an Crewe, heißt es, sind die breiten Ausfallstraßen, die einem helfen, die Stadt schnell zu verlassen. Ein riesiger Güterbahnhof, lärmende Verkehrskreisel, als lokale Attraktion gilt die Versteigerung enormer Fleischbatzen auf einem zugigen Platz hinter der Market Street. Hässlich mag die Stadt sein, eine Tristesse in Backstein, doch sie boomt, als läge sie in China.

Ein Hauch von Aufschwung

Draußen an der Weston Road fressen sich aluminiumleichte Fabriken und Lagerhallen, Bauklötze von der Stange, immer weiter hinein in wellige Wiesen. Sogar über der schäbigen Eddleston Road, nahe am mausgrauen Zentrum, liegt ein Hauch von Aufschwung. In der Nummer 138A hat John Kerr ein neues Geschäft aufgemacht, die Fassade rot-weiß: "Polska Delicatessen". Kerr hat Muße für einen Plausch, der Laden ist leer, irgendwie muss er die Zeit ja totschlagen.

Tagsüber sind seine Kunden am Schuften, erst abends ab sechs, frühestens, drängeln sie sich vor den Regalen, fischen Sauerkrautgläser heraus oder Bigos oder einen Multivitaminsaft namens Kubus, all das, was man schwer kriegt bei den großen britischen Ketten.

Kerr redet von Marktlücken, dem richtigen Riecher, kalkuliertem Risiko. Dabei steht ihm der Stolz ins Gesicht geschrieben. Er, der Ire, verkauft als Erster polnische Delikatessen in Crewe, und kein Engländer kam vor ihm auf diese Idee. "Ha, von wegen Thick Paddy." Als Thick Paddies mussten sie sich hänseln lassen, die Malocher von der Nachbarinsel, die nach Crewe auswanderten, um Straßen zu teeren und Mülltonnen zu leeren. Thick Paddies, schwer von Begriff, ein dummes Klischee, das John Kerr immer noch schmerzt.

Er war 20, als er seine Heimat verließ. Damals, 1990, lernte der Keltische Tiger gerade das Fauchen. Heute zieht keiner mehr aus Irland nach Crewe, dafür kommen die Polen. Obwohl er kaum ein Wort ihrer Sprache versteht, fühlt Kerr mit ihnen, als wären es nahe Verwandte. So höflich, so diszipliniert, "und zupacken können sie, da bleibt dir die Spucke weg".

Polnische Kundschaft

Slawomir Peczyna und Andrzej Krzysztof quittieren die Lobeshymne mit verlegenem Schmunzeln und greifen nach "Polski Chleb", das sich neben dem Papstkalender "Nasz Papiez" zu blassbraunen Brottütenbergen auftürmt. Endlich, die ersten Kunden.

Draußen, im Industrie-Legoland der Weston Road, eine luftige Halle, in die mindestens drei Fußballfelder passen. Marzena Romanowska, jung, strahlend, knapst sich Zeit ab für ein Gespräch. Die englischen Vokabeln, die Slawomir und Andrzej allenfalls radebrechend über die Lippen brachten, sie sprudeln nur so aus ihr heraus.

Romanowska hat Umweltschutz studiert, drüben in Olsztyn. In Crewe packt sie funkelnagelneue Handys in handliche Pappschachteln. Sie ist so gut, dass sie eine ganze Schicht anleiten darf, 23 Zeitarbeitskräfte. Wie hoch der Stundenlohn ist? Marzena Romanowska antwortet mit ihrem charmantesten Lächeln: "Hoch genug, um davon zu leben." Keiner verdiene weniger als sechs Pfund, schiebt ein britischer Kollege nach. Das liegt knapp über dem Mindestlohn, es sei aber sechsmal mehr, als man in Polen bekäme.

Dreitausend Polen

Die Caudwell-Gruppe, spezialisiert auf den Versand von Mobiltelefonen, nimmt sie jedenfalls mit Kusshand, die Neuen aus Lodz und Lublin. Dreitausend Polen leben mittlerweile in Crewe, einer Stadt mit rund fünfzigtausend Einwohnern. Zugute kommt ihnen, dass Großbritannien, wie auch Irland, nach der EU-Erweiterung einen Kurs der offenen Tür fährt. Obergrenzen gibt es nicht für Osteuropäer, jedoch müssen sie zwölf Monate im Lande gearbeitet haben, bevor sie Anspruch auf Sozialleistungen haben. Dies war der Vorbehalt, mit dem Tony Blair die Boulevardpresse zu beruhigen gedachte. (Frank Herrmann aus Crewe, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.3.2006)

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