Schachner: "Österreich ist ein Schlaraffenland"

24. März 2006, 09:25
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1860 München-Trainer droht zu scheitern - Er ist ein kleines Räd­chen in einem großen Chaos - Ans Aufgeben denkt er nicht - Der Präsident ist bereits weg

Wien/München - Wäre es lustig, würde Walter Schachner folgenden, nicht nur für Steirer nachvollziehbaren Scherz anbringen. "Andere müssen auf so ein Chaos ein halbes Leben lang warten, ich schaffe es in kaum zwei Monaten, das zeugt von Klasse." Nicht minder unkomisch ist, dass 1860 München am Sonntag in Paderborn kicken muss. "Die gehen auf die Knochen, das wird beinhart." 1860 liegt in der zweiten Liga an 13. Stelle, Paderborn ist immerhin Siebenter. "Eigentlich müssten wir auf die Knochen zielen, wir stehen unter Druck."

Als Schachner nach seinem Rauswurf beim GAK am 24. Jänner als neuer Trainer der Löwen präsentiert wurde, war er so selbstbewusst wie goschert: "Wir wollen in die Bundesliga aufsteigen, das ist das einzige Ziel." Drei Unentschieden und vier Niederlagen später sagt er kleinlaut: "Wir wollen nicht in die Regionalliga absteigen, das ist das einzige Ziel. Vielleicht habe ich das Niveau der Mannschaft überschätzt. Aber zu 60 kann man nicht Nein sagen. Alle meine Freunde haben mir geraten, den Job anzunehmen." Immerhin darf er nun vor Paderborn zittern. "Ich bereue nichts, ich bin ein Arbeiter und ein Kämpfer, der Antilauf muss gestoppt werden."

Seit Donnerstagabend haben sich die Ereignisse quasi überschlagen. Präsident Karl Auer ist zurückgetreten. "Wegen akuter gesundheitlicher Probleme", sagte der 58-jährige Metzgermeister (Fleischhauer), dessen Herz arhythmisch schlägt und der deshalb in einer Klinik behandelt wird. "Ich musste mich zu diesem schweren Schritt entschließen." Stunden davor berichtete die Münchner Zeitung tz über Verwicklungen von Paul Agostino und Quido Lanzaat in den Wettskandal. Die Staatsanwaltschaft hat das umgehend dementiert. Auch Schachner hält seine Kicker für unschuldig. "Aber trotzdem bleibt irgendwas zurück. Als hätten wir nicht genug Sorgen." Die Medien seien generell gnadenlos, dagegen "ist Österreich ein Schlaraffenland. Die müssen jeden Tag eine Seite füllen. Lieblingsthema ist der ratlose Schachner."

Ob ihm der Rauswurf droht (Vertrag endet an sich 2008), "müssen andere beurteilen. Mein Ansprechpartner ist Sportdirektor Stefan Reuter. Und der steht voll hinter mir." Freilich kann sich das ändern. "Wer sagt, dass der Verein hinter Reuter steht? Es kommt ja ein neuer Präsident, der hat vielleicht ganz andere Ideen." Dass die 60er hohe Schulden plagen, sogar über einen drohenden Konkurs wird gemunkelt, "habe ich natürlich mitbekommen. Aber es betrifft meine Arbeit nicht. Ich muss schauen, dass wir endlich Fußballspiele gewinnen."

Denn Schachner haben die Tränen der Fans gerührt. "Wie Kinder mit blau-weißen Schals nach dem 0:1 gegen Bochum geheult haben, das tat mir sehr weh. Ich weiß nicht, wovor sich die Mannschaft von Anfang an gefürchtet hat. Vor dem Aufstieg? Vor mir? Den Fluch der Allianz-Arena gibt es für mich nicht. Man sollte froh sein, in einem so schönen Stadion arbeiten zu dürfen." Es gelte nun, die Verunsicherung abzustellen. "Auch Steffen Hofmann hat sich leider anstecken lassen."

Er selbst müsse nun lernen, "mit Misserfolgen umzugehen. Ich hatte ja bisher nur Erfolge." Schachner irritiert die extrem negative Stimmung in Deutschland. "Die haben fast Angst vor der Heim-WM. Ich dachte eigentlich, dass wir Österreicher die Jammerer sind." (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, Sonntag, 18.,19. März 2006, Christian Hackl)

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