Zwei Männer nach Medikamenten­versuch weiter im Koma

27. März 2006, 13:27
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Weitere vier Personen in schlechtem Zustand - Vorprüfungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen die Pharmafirma TeGenero

London - Auch rund eine Woche nach dem folgenschweren Medikamentenversuch in Großbritannien haben zwei der sechs erkrankten Testpersonen am Dienstag weiter im Koma gelegen. Der Zustand der anderen vier wurde als weiterhin sehr schlecht, aber mit Anzeichen der Besserung beschrieben.

Die Männer waren nach der Erprobung eines Medikaments des Würzburger Herstellers TeGenero an schweren Entzündungen erkrankt. Sie werden im Londoner Krankenhaus Northwick Park behandelt.

Gesundheitliche Folgen nicht absehbar

Der getestete Wirkstoff, der in das Immunsystem eingreift, wird nach Angaben von Experten noch längere Zeit im Blut der Versuchspersonen bleiben. Deshalb seien die gesundheitlichen Folgen für die sechs Kranken noch nicht absehbar. Normalerweise dauere es bei Wirkstoffen vergleichbarer Art 14 bis 21 Tage, bis etwa die Hälfte der Substanz vom Körper abgebaut sei. Das sagte David Glover, der frühere medizinische Direktor der Cambridge Antikörper-Technologie-Abteilung der Zeitung "The Times". Manchmal könne ein solcher Stoff sogar noch neun Monate im Blut sein.

Die Risiken des in London getesteten Medikaments waren nach Informationen der "Rheinischen Post" unter Experten nicht ganz unbekannt. Schon im Jahr 2002 habe eine wissenschaftliche Studie gewarnt, dass Eingriffe in das Immunsystem, wie sie das Test-Medikament bewirkt, auch das körpereigene Gewebe angreifen können, berichtete die Zeitung am Samstag.

Trotz der Folgen des Medikamenten-Tests hat sich nach Angaben des britischen Rats für Medizinische Forschung in den vergangenen Tagen eine Rekordzahl von Interessenten gemeldet, die an Medizin-Versuchen teilnehmen wollen. Viele erkundigten sich zunächst nach der Bezahlung. Bei den Betreibern der Webseite "Entertrials", bei der sich Freiwillige für klinische Tests registrieren lassen können, hätten sich drei Mal mehr Interessenten gemeldet als vor den Berichten über die Tests.

Einzigartiger Vorfall

"Die Öffentlichkeit hat verstanden, dass dieser Vorfall einzigartig ist und ernsthafte Nebenwirkungen bei Medikamententests äußerst selten sind", sagte Steve Lawrence von der Firma Biotrax, die Test-Personen berät, dem britischen Sender BBC. Die Industrie hatte zunächst mit einem starken Rückgang der Zahl freiwilliger Testpersonen gerechnet.

Die Ärzte rätseln noch immer, was die starke allergische Reaktion bei den sechs 18 bis 40 Jahre alten Männern ausgelöst hatte. Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat ein Vorprüfungsverfahren gegen die Pharmafirma TeGenero eingeleitet.

Die Testpersonen hatten an klinischen Versuchen mit der Substanz TGN1412, einem neuen Wirkstoff zur Behandlung schwerer Krankheiten wie Leukämie, rheumatoider Arthritis und Multipler Sklerose, teilgenommen. Als Folge erlitten sie schweren Entzündungen. Sie hatten sich für 2.000 Pfund (2.880 Euro) für die Erprobung der Substanz zur Verfügung gestellt, die bei Tierversuchen an Kaninchen und Affen laut TeGenero keine Gegenreaktionen ausgelöst hatte. "Die Untersuchungen an Tieren zeigten keine wirkstoffspezifischen Nebenwirkungen oder etwa Todesfälle", erklärte die Firma.

Die deutschen Forscher hatten gehofft, mit der neu entwickelten Antikörper-Substanz die so genannten T-Zellen des Abwehrsystems beeinflussen zu können, um ein zu schwaches oder überaktives Immunsystem ins Gleichgewicht zu bringen. (APA/AP/Red)

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    Ganesh Suntharalingam berichtet, dass die Patienten noch eine "ganze Zeit lang" behandelt werden müssen

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