Vorsorgeaktion: Weniger Bauchumfang - für ein längeres Leben

24. März 2006, 17:49
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Europaweit größtes Screening-Programm startet in Wien und Österreich - Arzt warnt vor Begriffsverwirrung

Wien - Ein Zentimeter weniger Bauchumfang bedeuten eine um ein Jahr verlängerte Lebenserwartung. Das liegt daran, dass zu viel Fett - im Essen und am Bauch - einen der größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt. In den rund 500 Wiener und niederösterreichischen Apotheken startet deshalb dazu am Montag (bis 20. Mai) das europaweit größte Screening-Programm "Zehn Minuten für meine Gesundheit".

"In Wien und Niederösterreich sind rund 1,4 Millionen Menschen fettleibig. Zirka 1,5 Millionen Menschen haben einen zu hohen Cholesterinwert. Es laufen 60.000 unerkannte Diabetiker und 500.000 unerkannte Hypertoniker herum", sagte Wiener Apothekerkammerpräsident Heinrich Burggasser am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien.

Messungen

Im Rahmen der Aktion kann jeder Wiener und jeder Niederösterreicher einfach und ohne Anmeldung in die nächste Apotheke gehen. Dort wird ihm binnen weniger Minuten der Bauchumfang, das Cholesterin, der Blutdruck, der Blutzucker und das Gewicht gemessen.

Bei bedenklichen Werten verweisen die Apotheker die Betroffenen an den Arzt. Burggasser: "Wir wollen keine Vorsorgeuntersuchungen ersetzen. Wir wollen natürlich motivieren, dass viel mehr Menschen zur Vorsorgeuntersuchung gehen."

Im Vorlauf zu der Aktion, die bei den Materialkosten (Teststreifen) von der Wiener und der NÖ-Gebietskrankenkasse finanziell unterstützt wird, hatten Ärztekammervertreter von einer "Schmalspur-Vorsorgeuntersuchung" in den Apotheken gesprochen. Offenbar fürchteten sie um ihre Klientel. Immerhin erhalten die Ärzte für die viel ausführlichere echte Vorsorgeuntersuchung rund 65 Euro.

Diese Argumente sind für den Arzt und Stoffwechselexperten Univ.-Doz. Dr. Harald Kritz nicht nachvollziehbar: "Die Apotheker treiben den Ärzten (mit der Screening-Aktion, Anm.) die Patienten zu."

Vorsorge-Schlusslichter

Das hätten die niedergelassenen Ärzte in Wien und Niederösterreich in Sachen Vorsorgeuntersuchung neu auch dringend notwendig: In Niederösterreich gehen nur 4,5 Prozent der dazu berechtigten zur ärztlichen Vorsorgeuntersuchung, in Wien nur 7,4 Prozent. Damit sind diese beiden Bundesländer in Österreich die Schlusslichter.

Die Initiatoren der Kampagne hoffen auf 60.000 bis 100.000 Teilnehmer. Unter ihnen müssten sich auch viele Personen befinden, die ein erhebliches Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung haben. Nuklearmediziner Univ.-Prof. Dr. Helmut Sinzinger: "Die Österreicher haben einen durchschnittlichen Cholesterinwert von 225 Milligramm pro Deziliter Blut. Das ist auch der Durchschnittswert der Patienten, die an einem Herzinfarkt sterben."

Idealwerte

Stattdessen sollte jeder Mensch einen Body-Mass-Index von weniger als 25 aufweisen. Der Bauchumfang sollte bei Frauen idealerweise unter 80 Zentimeter und bei Männern unter 90 Zentimeter liegen. Der Cholesterinwert sollte am besten nicht mehr als 160 Milligramm pro Deziliter betragen, der Blutzucker nüchtern unter 90 Milligramm pro Deziliter Blut sein. Beim Blutdruck liegen die Idealwerte bei weniger als 120/80 mmHg.

Wiens Gesundheitsstadträtin Renate Brauner schritt auch sofort nach der Pressekonferenz vor den Kameras zum Screening in der Apotheke der Barmherzigen Brüder in Wien-Leopoldstadt. Ihr Begleitkommentar: "Beim Blutdruckmessen dürfen Sie zuschauen, beim Bauchumfang nicht."

Laut Sinzinger bringt schon ein Zentimeter weniger Bauch eine Risikoverringerung für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall von rund fünf Prozent. Das bedeutet statistisch eine Steigerung der Lebenserwartung um ein Jahr.

Warnung vor Verwirrung

Vor "Verwirrung der Patienten, was den Begriff Vorsorgeuntersuchung angeht", warnte am Freitag der Obmann der Bundeskurie Niedergelassene Ärzte in der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), Dr. Jörg Pruckner. Die Vorsorgeaktion berge für den Patienten eine "erhöhte Verwechslungsgefahr", da gerade eine neue medizinische Vorsorgeuntersuchung der Kassen in Kooperation mit den niedergelassenen Ärzten erarbeitet und gestartet worden sei, kritisierte Pruckner in einer Aussendung.

Er, Pruckner, wundere sich, weshalb mit Unterstützung der Gebietskrankenkassen eine "Parallelschiene" beworben werde, obgleich die Vorsorgeuntersuchung beim niedergelassenen Arzt unter Beachtung sämtlicher Regeln medizinischer Qualitätssicherung soeben erst auf neue, modernere Beine gestellt worden sei. Diese beinhalte durch ihre ganzheitliche, zielgruppenspezifische Betrachtungsweise viel mehr als das Messen einzelner Gesundheitsparameter, deren medizinische Bewertung letztlich auch nur wiederum der Arzt in einer Gesamtbetrachtung übernehmen könne.

Die Apothekerkammer will mit der Aktion nach eigenen Angaben allerdings allein einen "Screening"-Service mit Vortests wichtiger Parameter bieten. Eine Gesundenuntersuchung kann das nicht ersetzen.

Pruckner warnte jedenfalls davor, die "Patienten im Kreis zu führen" und appellierte vor dem aktuellen Hintergrund dringend an die Kassenverantwortlichen des Hauptverbands, das System der ärztlichen Vorsorgeuntersuchung mit den noch ausständigen Bausteinen der Coloskopie (Darmspiegelung) und des allgemeinen Recalls (Erinnerungssystem für Patienten) zu finalisieren. Der Kurienobmann forderte in diesem Zusammenhang die Sozialversicherungen auf, "endlich ihre Programmatik wahr zu machen und zu echten Gesundheitskassen für die Patienten zu werden." Bisher betrage der Anteil der Ausgaben der Kassen für Vorsorge an ihren Gesamtausgaben lediglich magere 1,2 Prozent. (APA)

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