Im Netz wird der Irak lebendig

29. März 2006, 10:25
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Vor drei Jahren war der Irak noch ein weißer Fleck auf der Internetlandkarte, jetzt ist das Netz einer der lebendigsten und von Anschlägen ungefährdete Lebensbereich des Landes, dank Satelliten und drahtlosen Hotspots

Tägliche Meldungen von Terroranschlägen, drohender Bürgerkrieg und weiterhin ein Leben als Provisorium überdecken einen anderen Teil der irakischen Gesellschaft, der im Laufe der letzten Monate aufblühte: das Leben online. Die Verbreitung von Internet im irakischen Alltag gehört zu einer der wenigen positiven Entwicklungen des Landes. Symbolisch dafür war im vergangenen Sommer die Rückgabe der Verwaltung des Länderkürzels .iq an die irakische Regierung - zuvor hatte die "Internetregierung" ICANN (die für die Nomenklatur des Netzes verantwortliche Non-Profit-Organisation) die Domäne dem Land unter Saddam Hussein entzogen und einer texanischen Firma zur Verwaltung übergeben.

"In Bagdad gibt es inzwischen 700 Internetcafés"

Jetzt sind es hoch über der Erde Satelliten und zu ebener Erde drahtlose Hotspots, die Irakern ein Fenster zur Welt ebenso wie eine gefahrenlose Community im eigenen Land öffnen. "In Bagdad gibt es inzwischen 700 Internetcafés, in jeder größeren Stadt sind es 50 bis 60 und im ganzen Land einige tausend Internetcafés", beschreibt Nasir J. Ahmad, Eigentümer und CEO der in Dubai beheimateten Softel. Softel ist einer von drei großen Internetprovider im Irak. Im Land unterhält Softel fünf Büros, "weil man aus Sicherheitsgründen nicht reisen kann". Die internationale Anbindung erfolgt über Satellit mithilfe von Telekom Austria, die dank ihrer Erdfunkstelle im steirischen Aflenz einer der großen Datenversorger des Mittleren Ostens ist.

Boom

"Es gibt eine unglaubliche Nachfrage", beschreibt Ahmad den unerwarteten Boom, den sein im Mittleren Osten und Afrika tätiges Unternehmen im Irak erlebt. Chatrooms gehören zu den am meisten verwendeten Anwendungen, da es gefährlich ist aus dem Haus zu gehen und abends Ausgehverbot herrscht. Internettelefonie - Voice over IP, VoIP - ist die Hauptverbindung zwischen dem Irak und den rund fünf Millionen in aller Welt verstreuten Irakern.

Wie viele Internetbenutzer der Irak hat ist nur zu erraten; die staatliche Internetgesellschaft hat 215.000 Kunden, aber der Großteil der privaten Nutzung läuft über Internetcafés. Deren Inhaber mieten um einige tausende Dollar monatlich eine Satellitenverbindung und verkaufen dann über Wi-Fi-Netze (in Bagdad gibt es auch bereits das leistungsfähigere WiMax) Anschlüsse an private Haushalte um 25 bis 50 Dollar. "Wie viele letztlich an dieser Leitung hängen wissen wir gar nicht, weil viele Haushalte die Netze an ihre Nachbarn weiterverteilen", sagt Ahmad.

Gute Geschäfte

Das ermöglicht auch eine florierende Netzwirtschaft: Nicht nur Firmen wie Softel, sondern kleine Unternehmer profitieren aus dem Weiterverkauf ebenso wie dem Geschäft mit Antennen, drahtlosen Netzen und PCs. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe 17.3. 2006)

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