Dorotheum präsentiert Historikerbericht zur NS-Zeit

16. März 2006, 20:52
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Ein "Akt der Verantwortung gegenüber der Geschichte"

Wien - "Die Zusammenarbeit des Dorotheums mit den NS-Behörden war umfangreich", heißt es in der Zusammenfassung des lange erwarteten Historikerberichts des Auktionshauses, der am Donnerstag Nachmittag in Wien präsentiert wurde. "Auf wirtschaftlicher Ebene hat das Dorotheum vom NS-Regime profitiert", betonte Sonja Niederacher vom dreiköpfigen Historikerteam. "Es war bemüht, Aufträge von NS-Behörden zu bekommen und nicht gezwungen worden, für sie Versteigerungen durchzuführen." Die genaue Höhe der Profite aus jener Zeit konnte allerdings nicht erhoben werden. Der Bericht liegt nun als Buch im Oldenbourg Verlag vor, die dazugehörigen Akten wurden heute dem Staatsarchiv übergeben.

Dorotheum-Geschäftsführer Martin Böhm sprach von einem "symbolischen Akt", einem "Akt der Verantwortung gegenüber der Geschichte." Er erinnerte daran, dass bei der Privatisierung 2001 32 Mio. Dollar aus dem Verkaufserlös an den "Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus" überwiesen und das Dorotheum als erstes und einziges Auktionshaus im deutschsprachigen Raum eine eigene Provenienzforschung eingerichtet habe. Er bat "alle Betroffenen, denen Leid zugefügt wurde von Seiten unseres Hauses, um Entschuldigung". Lorenz Mikoletzky, Generaldirektor des Staatsarchiv, wies auf den Umstand hin, dass vergleichbare Berichte etwa zur Postsparkasse und zur Ersten Bank bisher nicht vorliegen.

Einzelfälle mit Beispielcharakter

Studien-Co-Autor Alexander Schröck wies darauf hin, dass der Bericht keine durchgängige Provenienzforschung, aber Einzelfälle mit Beispielcharakter enthalte. Nicht enthalten seien Namenslisten von Einbringern, Kunden, Käufern und Objekten. "Diese Unterlagen waren bis Mitte/Ende der 1960er Jahre erhalten, wurden jedoch skartiert, d.h. vernichtet." Selbst bei Auftauchen von Namenslisten gäbe es rechtlich keine Möglichkeit mehr, Restitutionen zu beantragen, betonte Historikerin Eva Blimlinger. Das Kunstrückgabegesetz beziehe sich nur auf die Bestände der Bundesmuseen.

"Dass das Dorotheum nach 1938 sehr gute Geschäfte gemacht hat, nicht zuletzt mit nationalsozialistischen Behörden, wurde lange ausgeblendet" sagte Sonja Niederacher. Es sei klar, dass das Dorotheum auf wirtschaftlicher Ebene vom NS-Regime profitiert habe. Ihr Kollege Stefan August Lütgenau betonte das "Spannungsverhältnis von Kooperation und Komplizenschaft mit dem NS-Regime" und dass "der ökonomische Aspekt der Entrechtung und Vernichtung der Juden" ein zentraler Baustein des NS-Regimes gewesen sei: "Das Dorotheum sah im Unrecht seine Chance!"

An Entziehungen und Arisierungen sei das Dorotheum nicht aktiv beteiligt gewesen, als Kommissionär seien aber für die einliefernden Behörden Versteigerungen von entzogenen Gütern durchgeführt worden, hieß es. Im Rahmen der "Sondergeschäfte" sei es aber sehr wohl zum Ankauf von NS-Raubgut gekommen. (APA)

Stefan August Lütgenau, Alexander Schröck, Sonja Niederacher: "Zwischen Staat und Wirtschaft. Das Dorotheum im Nationalsozialismus", Oldenbourg Verlag, 494 S., 39,80 Euro, ISBN 3-7029-0542-1
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