"Playtime"

16. März 2006, 17:22
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Jacques Tati sagte später, er habe La Defense erfunden, das größenwahnsinnige Büroviertel im Westen von Paris

Tativille, das waren sechs Monate Aufbau, 50.000 Kubikmeter Beton, 1200 Quadratmeter Glas, Fassaden auf Schienen, um in dem Film "Playtime" ein perspektivisches Spiel mit Kombinationsvarianten zu ermöglichen – Jacques Tati sagte später, er habe mit seinen "Playtime"-Kulissen La Defense erfunden, das größenwahnsinnige, klinisch saubere Büroviertel im Westen von Paris. In dieses architektonische Nirgendwo und Überall aus Glas und Stahl und rechten Winkeln, in dem der Eiffelturm nur noch eine ferne, flüchtige Spiegelung in einem Fenster ist, schickt Tati eine amerikanische Reisegruppe munter gurrender Frauen. Statt den Louvre oder die Tuilerien zu besuchen, sehen die Touristinnen auf einer Haushaltsmesse Abfalleimer im Design griechischer Säulenstümpfe.

Monsieur Hulot alias Jacques Tati kreuzt mehrfach ihren Weg, er hat scheinbar eine Verabredung mit einem Monsieur Girard. Er sucht zunächst vergeblich im transparenten Labyrinth der Büros, Gänge, Häuser und lässt sich später treiben, verschwindet in dieser postmodernen Symphonie der Großstadt, die keine Protagonisten mehr kennt: Die Dialoge sind so tief eingebettet in das Hintergrundrauschen der modernen Stadt, in all das diskrete Fiepen, Quietschen, Brummen der Apparate, dass man selten mehr versteht als französisch-englisches Gemurmel. Vor allem aber macht sich Tati einen Spaß daraus, sieben oder acht Doppelgänger seines Monsieur Hulot mit Pfeife, Schirm und Hochwasserhose durch den Film zu schicken und sie alle im Stadtbild untergehen zu lassen. Tati filmte auf 70 Millimeter, die Bilder haben die vierfache Oberfläche eines 35-Millimeter-Bildes, und so ist "Playtime" eine optische Fuge, in deren hintergründigen Wimmelbildern man oftmals sechs kleinen Parallelhandlungen folgen kann.

Das Publikum verstand seine Gesellschaftskritik, seine Ästhetik, seine Utopie nicht. Der Film floppte, Tativille wurde abgerissen, Tati erholte sich davon weder finanziell noch gesundheitlich. Es ist Zeit, Tati als radikalen Gesellschaftskritiker zu entdecken. Hulot zerbricht die gläserne Eingangstür des Royal Garden, die Restauranteröffnung gerät aus den Fugen, das glänzend neue Interieur wird zerstört, die Leute feiern in den Trümmern, erobern sich den Raum zurück, man singt "A la Bastille", aus dem Royal Garden wird der 14. Juli, und so straft Tati am Ende Foucault Lügen, der im Jahr zuvor dem neuzeitlichen Subjekt das "Verschwinden wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand" prophezeite. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2006)

Von Alex Rühle
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