Leif Davidsen: "Der Augenblick der Wahrheit"

16. März 2006, 17:17
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Wo Lügen so geächtet ist, dass ein Paparazzo als Ausbund an Aufrichtigkeit erscheint

Dänen lügen nicht. Wer glaubt, das sei nur der alberne Reim eines ostfriesischen Komikers auf eine deutsche Schnulze der Siebzigerjahre, hat sich getäuscht. Aus Leif Davidsens Thriller "Der Augenblick der Wahrheit" entnehmen wir unter anderem, dass im kleinen Dänemark das Schwindeln geradezu geächtet ist und besonders für Politiker gravierende Konsequenzen haben kann, von denen wir hier zu Lande nur träumen dürfen. Und Davidsens Ich-Held Peter Lime, dänischer Staatsbürger wie sein Erfinder, öffnet dem Leser die Mördergrube seines Herzens auf eine Art, die ihn trotz seiner zwielichtigen Profession – er ist Paparazzo – als Ausbund an Aufrichtigkeit erscheinen lässt. Das liegt zu einem guten Teil an der nordisch klaren, schnörkellosen Erzählweise, die bei diesem Autor noch unterstützt wird durch die Berufspraxis als Journalist und Nachrichtenredakteur. Selbst dort, wo es um abenteuerliche politische Intrigen und geheimdienstliche Verwicklungen geht, vermag Davidsen den Eindruck zu erwecken, alles sei durch solide Recherchen beglaubigt, und immer gibt es, wenn auch an noch so dünnem Faden, eine Verbindung zur aktuellen oder historischen Realität.

Vertrauensbildend wirkt außerdem der Trick, die kriminalistische Wahrheitssuche des Helden mit seiner persönlichen Lebenskrise und deren Bewältigung zu verknüpfen. Davidsen, Jahrgang 1950, hat so ziemlich alle Erfahrungen und Erfolgserlebnisse, Seelenkämpfe und Selbstzweifel im Repertoire, von denen die Medien-Intellektuellen seiner Generation geprägt sind, und er lässt die betreffenden Reflexionen so elegant in die Thrillerhandlung einfließen, dass sie ein wohltuendes Gegengewicht zu Blut und Action bilden, ohne die Spannung zu torpedieren. Die wiederum hält sich auf beträchtlichem Niveau von dem Augenblick an, da Peter Lime seinen letzten Coup als Sensationsfotograf landet, nicht ahnend, dass wenig später seine ganze Existenz in Trümmern liegen wird: Seine Wohnung in Madrid wird durch einen Anschlag zerstört, bei dem seine Frau und seine Tochter ums Leben kommen. Die dramatische Jagd nach den Drahtziehern führt ins Baskenland, nach Kopenhagen, Berlin und Moskau, und es gelingt Davidsen sogar, im Gegensatz zu manchen seiner Genrekollegen, den wechselnden Schauplätzen etwas wie atmosphärische Dichte zu verleihen. Daneben wird die Tätersuche für Lime zu einer Reise in die eigene Vergangenheit, bei der man einiges über die dänische Gesellschaft und ihre Merkwürdigkeiten erfährt. Leif Davidsen liegt nichts daran, die Nerven seiner Leser zu schonen – da sind zwei, drei Szenen, die empfindsame Gemüter lieber überspringen sollten. Wie zum Ausgleich baut er fast idyllische Momente ein, in denen das Leben jenseits von Gewalt, Verrat und Katastrophen zu seinem Recht kommt: Die Landschaft und den Alltag Spaniens etwa, durchsetzt mit Hemingway-Reminiszenzen, schildert er anschaulich und lebendig. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, denn dies ist kein eiskalter, sondern ein emotionsgeladener Thriller, dessen Hauptfigur zwar machohaft todesmutig auftritt, sich aber Gefühle und Schwächen leisten darf.

Sollte übrigens jemand bezweifeln, dass zwischen Stasi- und Paparazzi-Milieu tatsächlich solche Beziehungen existierten, wie sie hier beschrieben werden, so möge er bedenken: Dänen lügen nicht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2006)

Von Kristina Maidt-Zinke
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