Die Hölle liegt mitten in Wien

19. März 2006, 19:18
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Die Gegend, sagte die Anruferin, sei früher lebenswert gewesen. Aber seit ein paar Jahren hätten Lärm ...

... und Vandalismus das Kommando übernommen. Und niemand helfe den Anrainern.

***

Es war vorgestern. Da hat die alte Dame hat angerufen und förmlich um Hilfe gewinselt: Sie wohne, hat sie erzählt, seit Jahrzehnten hier. Und bis vor wenigen Jahren sei alles in Ordnung gewesen: Schön, ruhig, sauber und still. Ein Idyll. Mitten in der Stadt. Aber dann habe sich – schlagartig, erklärte die Frau am Telefon – alles geändert. Und nun lebe sie in einem verdreckten, von Horden grölender und betrunkener Unholde bevölkerten Viertel.

Sie und ihre Nachbarn, klagte die alte Frau, wären verzweifelt. Und hätten nach Sonnenuntergang Angst, die Wohnungen zu verlassen. Weil man nicht wisse, wozu ein Haufen Angetrunkener fähig ist, wenn man als alte Frau ... Oder als Mutter... Oder wie auch immer.

Machtlose Polizei

Nicht einmal die Polizei sei in der Lage, dem Schrecken Einhalt zu gebieten: Nacht für Nacht, so die Frau, rücke die Exekutive an – und dennoch sei die Gegend in der Früh von Schutt, Scherben und Exkrementen übersät. Der private Wachdienst stehe auf verlorenem Posten: Die nähme niemand ernst. Manchmal, so die Anruferin, müssten die Wächter vor den Vandalen Reissaus nehmen.

Mittlerweile erzählte die alte Frau, hätten Lärm und Chaos dermaßen verheerende Ausmaße angenommen, das nicht nur alle direkten Anrainer, sondern auch alle, die Frau wiederholte es immer wieder : alle, alle, alle – Bewohner der benachbarten Gassen und Straßen in ihren Schrei nach Hilfe mit einstimmten.

Ungehört

Aber bisher, klagte die Frau, habe es niemand – weder Medien, noch Politik – für der Mühe Wert gehalten, den Gequälten zu helfen. Im Gegenteil: Man ignoriere die berechtigten Ängste und Klagen der Bürger. Und die Verwaltung des Gebäudekomplexes verweigere jegliche Kooperation. Aber das, so die Frau, sei bei weitem noch nicht alles.

Sie habe, sagte die Anruferin und betonte, dass sie das was sie nun sagen werde, auch so meine, nichts gegen Kinder. Aber mittlerweile habe sich hier eine Klientel eingeschlichen und angesiedelt, die nur Angst und Schrecken verbreite: Auch früher hätten Kinder in den Höfen gespielt. Aber das wären, so die Frau, andere Kinder gewesen. Heute, klagte sie, kämen nur noch Barbaren. Die alles zerstörten. Und das unter den wohlwollenden Augen ihrer Betreuer: Nicht nur einmal habe sie miterlebt, wie Kinder sich an den Bäumen zu schaffen gemacht hätten – und man ihnen geholfen habe, Äste abzubrechen.

Terror-Kicker

Und seit es alleinerziehende Väter samt Sprösslingen in ihr Viertel verschlüge, würde hier auch noch Fußball gespielt: Die Väter, so die Frau, beglückwünschten ihre Söhne jedes Mal, lautstark, wenn eine Scheibe zu Bruch ginge. Das geschähe mehrmals täglich. Und jetzt, im Winter, werfe man mit Schneebällen Scheiben ein. Und außerdem sei da auch ein Wirtshaus neben dem beliebtesten Kinderspieleck. Von einer Chinesin geführt. Sie, die Anruferin, habe zwar nichts gegen Ausländer, aber da sie nahe dem Lokal wohne, wisse sie, dass hier nicht nur Sodom & Gomorrha herrschten, sondern mangelnde Hygiene durch exorbitanten Lärm und Gestank kompensiert würden. Aber das sei in den andern Kneipen der Gegend nicht anders.

Normale Menschen, sagte die Frau, würden scharenweise die Flucht ergreifen. Niemand fühle sich hier wohl. Auch Besucher aus anderen Ländern hätten ihr immer wieder gesagt, dass sie Angst hätten. Weil sie derartiges abschreckend und ekelerregend fänden – und nicht verstünden, wie eine Kulturmetropole wie Wien dies zulassen könne. So etwas, sagte die Frau, würden ihr Besuchergruppen immer wieder versichern bevor sie sich eilends aus dem Staub machten, wäre überall anders auf der Welt unvorstellbar. Erst recht in unmittelbarer Umgebung von Museen und Kulturstätten.

Nachfrage

Die Frau war noch nicht fertig, stellte aber eine Zwischenfrage: Was ich denn von alledem hielte. Ich sagte die Wahrheit: Ich fände das Museumsquartier eigentlich gelungen, wäre im Sommer ganz gerne hier und hätte mich dort auch noch nie gefürchtet.

Die Frau am anderen Ende der Leitung schwieg. Lange und eisig. Dann zischte sie: Ich sei also auch einer der Flaschenschmeisser, Eckenpisser und Stänkerer. Aber ich solle mir meiner Sache nicht so sicher sein ­ sie werde nicht aufgeben. Und irgendwann würde es im MQ wieder so schön und still sein, wie früher. Dann legte sie auf.

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von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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