Nirgendwo ist der Wind salziger und der Sand weißer

16. März 2006, 00:00
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250 Einwohner, keine Bäume und eine heilige Quelle: Die Insel Inishmean vor der Westküste Irlands

Dies ist - um es gleich vorwegzunehmen - eine Liebeserklärung. Schon wenn ich sie in dunstiger Ferne aus den Wogen des Atlantiks aufsteigen sehe, füllt sich mein Herz mit diesem weichen, aus Tanzstundenzeiten vertrauten Gefühl, und wenn das knatternde Flugzeug dann zur Landung auf dem Gras ansetzt, schlägt mir das Herz bis zum Hals - nicht nur weil der tückische Rückenwind die Maschine ins Schwanken bringt.

Inishmean, "die mittlere Insel", liegt, wie ihr Name sagt, zwischen der großen und der kleinen Araninsel in der Bucht von Galway an der Westküste Irlands und war noch bis vor ein paar Jahren nur durch die Luft oder mit einem Ruderboot zu erreichen. So ist Inishmean mehr als ihre Schwestern eine Insel geblieben, und dies nicht bloß, weil man von ihrem höchsten Punkt aus tatsächlich ringsum die atlantische Gischt sieht, sondern auch in den Köpfen ihrer 250 Bewohner. Wer von hier kommt, gehört zu einem besonderen Schlag, als habe der Westwind sich tiefer in diese Gesichter gegraben, ihre Augen blauer gefärbt.

Und dann die leise Verachtung, die bei den Einheimischen mitschwingt, wenn sie von der Hauptinsel - dem Festland, wie sie sagen - reden. Wagt man dann vorsichtig auf die offensichtliche Abgeschiedenheit der Insel anzuspielen, wird man nachsichtig auf all die Reste früherer Kulturen verwiesen, auf die Ringforts aus vorchristlicher, vielleicht keltischer Zeit, die Ruinen der Kirchen und Klöster, die von vergangenem Wohlstand zeugen, und auf die heilige Quelle natürlich, deren Wasser niemals kocht.

Tatsächlich muss Inishmean einst ein bedeutendes Zentrum gewesen sein, in dessen Klöstern und Schulen sich vergessene Gelehrte und namenlose Dichter tummelten. Damals, so heißt es, habe es auf Inishmean auch noch Bäume gegeben. Denn ja, sie ist kahl, meine geliebte Insel. 900 Hektar Fels, Gras, Sand und Steine, Steine, Steine. Ein Pub, eine Kirche und ein paar Häuser sind das Einzige, was in den Himmel ragt, und wer hier leben will, darf sich vor Einsamkeit und Leere nicht fürchten. Denn es gibt nicht viel zu tun auf Inishmean, weder für Fremde noch für die Einheimischen. So sind schon viele gegangen, nach New York, Philadelphia, Boston.

Und wenn Sie nun sagen, dass doch eigentlich jeder froh sein sollte, diesen kargen Felsen verlassen zu können, haben Sie natürlich vollkommen Recht. Aber es weht halt nirgendwo sonst der Wind so salzig und frisch wie auf den Klippen von Inishmean, und wenn die Sonne auf den Strand niederbrennt, ist der Sand hier weißer, das Meer blauer als auf jeder Südseeinsel. Doch das kann natürlich nur eine Verliebte sehen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 16.3.2006)

Von
Gabrielle Alioth aus Dublin

Von der Schriftstellerin Gabrielle Alioth ist 2003 das Reise- und Kochbuch "Irland - Eine Reise durchs Land der Regenbogen"
(Sanssouci, München/Wien, 14.90 Euro) erschienen.
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    foto: blaguss
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