Ernst ist das Leben

27. März 2006, 16:04
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Die Mode blickt auf die Zeiten der großen Couturiers zurück - und erlangt damit ihre Magie wieder

Schwarz ist die Farbe, die bei den Pariser Designerschauen für Herbst/Winter 2006/2007 alle Kreativen eint - diejenigen in den traditionsreichen Couturehäusern und auch die jungen Createure. Schwarz ist sachlich, strikt und präzise. Es ist die Farbe einer neuen Ernsthaftigkeit, welche die Kollektionen erfasst hat. Denn man besinnt sich der großen Zeit der Pariser Couture, aber nicht um zu kopieren, sondern um aus deren Wurzeln Neues entstehen zu lassen. Das zeigt niemand so eindrucksvoll wie Stefano Pilati bei Yves Saint Laurent. Schwarze Tuniken stehen bei ihm im Mittelpunkt, getragen über schmalen Hosen und knappen kniefreien Röcken mit schwarzen blickdichten Strümpfen, oder aber Leggins wie in den Achtzigerjahren, die kurz vor den hochhackigen Stiefelettenschäften enden. Breite Lackblenden beleben schwarze Stoffflächen, goldene Paspeln akzentuieren sie. Und weite Kimonomäntel aus steifem schwarzen Cloque schimmern metallisch.

Auch der Norweger Peter Dundas, der neue Mann bei Emanuel Ungaro, bezieht sich auf die Entwürfe des Couturiers aus den Achtzigerjahren, indem er dessen fein auf den Körper drapierte Seidenkleider mit mausgrauem Jersey nachempfindet. Dazu kombiniert er Mäntel in A-Linie und kürbisrunde Blousons mit üppig gebauschten Ärmeln. Denn das Spiel mit den neuen Weiten und Volumen ist wohl das heißeste Thema in dieser Wintersaison. Dazu braucht es Stoffe mit Stand, die trotzdem weich genug sind, um sich formen zu lassen. Aus ihnen schneidet Nicolas Ghesquière für Balenciaga kurze, kastige Jacken mit runden Bogenschultern zu minikurzen Röcken mit tiefen Glockenfalten. Mäntel runden sich wie Kokons oder zeigen Käferrücken. Es sind die Sechzigerjahre des Couturiers, die Ghesquière nachempfindet, auch mit Plateausohlen an hochhackigen Pumps und steifen runden Hüten, die den Helmen englischer Bobbys ähneln.

Richtungsweisend: Das kleine Schwarze

Zu Beginn der Swinging Sixties war das "kleine Schwarze" des Couturiers Hubert de Givenchy richtungweisend für die Mode. Seine Muse Audrey Hepburn trug es im Film "Frühstück bei Tiffany's". Riccardo Tisci, der nun die Kollektion entwirft, legt es in Serie neu auf und lässt sich für Kleider und Mäntel mit Glockenröcken auch von den Fünfzigerjahren inspirieren.

Dass die Fifties mit ihren dicken Mantelstoffen "und steifen Taften" nicht unproblematisch sind, sieht man ausgerechnet bei Giambattista Valli und Michael Grant, zwei aufsteigenden Sternen unter den Pariser Kreativen. Vieles sieht plötzlich leicht angestaubt aus, als wäre es aus der Originalzeit.

In einer Saison, in der die Mode nicht unproblematisch ist, weil sie sich neu erfindet, muss es auch Alternativen geben. Marc Jacobs entdeckt für Louis Vuitton den Parka und die Sportlichkeit, die er virtuos auseinander nimmt, in Superweiten schneidet und mit Gürteln auf Taille bändigt. Trotzdem hat man das Gefühl, das alles ist nur der alltagsgraue Hintergrund, der die chromblitzenden goldenen oder rot lackierten Taschen des Hauses umso besser zur Geltung bringt.

Schwarz-weiße Tweedkostüme

Das macht zwar auch Karl Lagerfeld bei Chanel, aber ungleich dezenter. Dabei bereitet er geschickt die Chanel-Klassik auf. Die flatterhaften Chiffonkleidchen, die er unter die schwarz-weißen Tweedkostüme zieht, kann man ebenso weglassen wie die schenkelhohen Overknee-Stiefel aus weißem Lack. Dafür sind die weißen Blusen umso hübscher, und große weiße Kamelien, das Erkennungszeichen des Hauses, thronen wieder auf schwarzen Satinschleifen im Haar.

Nicht weniger klassisch, aber maskulin orientiert in Anzug und Hosen, gibt sich auch Jean-Paul Gaultier bei Hermès, wobei er eine elegante Sportlichkeit mit Fechterjacken und Reiterlook ins Spiel bringt. Doch was will man eigentlich mehr? Die große Linie hat Allüre, die Klassik hat Biss, und die Details sind exquisit. Das gilt auch für Valentino, die Couture-Legende aus Rom. Egal, wohin der Trend auch geht, seine Mädchen sehen zuerst einmal schön aus. Das unterstreichen Spitzen an cremeweißen Blusen und pechschwarzen Röcken und Lagen von Tüll über paillettenfunkelnden Cocktailkleidern.

Viktorianisch anmutende Nachthemden

Und Valentino zeigt Abendkleider, was in Paris nicht selbstverständlich ist. Denn nur zu oft sieht man lediglich viktorianisch anmutende Nachthemden wie bei Chanel - für die Stunden, wenn Dracula kommt. Jean Paul Gaultiers Finale erinnert sogar an Roman Polanskis Film "Tanz der Vampire". Woran lag es, dass es den Pariser Kreativen so düster ums Gemüt war?

Alexander McQueen jedenfalls weiß Gespenstergeschichten am schönsten zu erzählen. In knapp taillierten Jacken und Mänteln mit breiten Reverskragen, hochgezogenen Keulenärmeln und Kuppelrock, den Hintern zum Cul de Paris aufgepolstert, staksen seine Mädchen in hochhackigen Kokottenstiefelchen und mit Eulenflügeln im Haar um eine gläserne Pyramide. Plötzlich schwebt ein Nebelstreif darin, der sich dreht und windet, ein schleierhaftes Gewand und wehende Haare erkennen lässt und die Züge von Kate Moss annimmt. Plötzlich beginnt sie zu schrumpfen, bis nur noch ein Stern von Kokain-Kate bleibt. In Paris gewinnt die Mode ihre Magie zurück.
(Der Standard/rondo/17/03/2006)

Ein Rückblick auf die Pariser Schauen für Herbst/Winter 06/07 von Peter Bäldle
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    Teil der Kollektion des britischen Designers Alexander McQueen bei der Herbst/Winter 06/07-Schau in Paris.

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