Two Gallants: Der Reiz der Depression

24. März 2006, 13:34
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Mit archetypischer Wucht wütet die Band aus San Francisco auf ihrem zweiten Album "What The Toll Tells"

... durch Zeiten der Depression. Jene der letzten 30er-Jahre ebenso wie durch individuelle Jammertäler.


Das erstaunlichste Stück des Album heißt "Long Summer Day". Darin geht es um einen schwarzen Sklaven, der erzählt, dass er dabei war, als man seinen Vater gehängt hat, und in dem die Sommersonne des amerikanischen Südens jenen gerechten Zorn hochkocht, der auch ihm demnächst das Leben kosten wird: "Cause the summer day makes a nigga feel crazy/might make something out of line. Well if you see my wife tell her I won't be home tonight. And if I'm dead by sunrise kiss my baby girl for me. It ain't life if it ain't free. I've got a mighty burden to unload."

Was sich anhört, als hätte es mindestens ein Robert Johnson oder ein anderer singender Hobo aus der Zeit der großen Depression Anfang der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben, stammt aus der Feder von zwei bleichen Twentysomethings aus San Francisco, die sich entgegen ihrem eher unritterlichen Äußeren Two Gallants nennen und eben ihr zweites Album What The Toll Tells veröffentlicht haben. Inspiriert werden derlei Geschichten von literarischen Vorlagen wie John Steinbecks "Früchte des Zorns" oder auch den harten Depressionsklassikern eines Jim Thompsons, umgesetzt mit einem meist wie vom Teufel gerittenen, sich selbst überstürzenden Rumpel-Folk. Dieser auf die Atmosphäre des unreinen und brüchigen Spielens bauende Folk-Punk schuldet dem Originalchronisten jener Zeit, Woody Guthrie, ebenso viel wie den Verwaltern dessen Erbes, allen voran dem jungen Bob Dylan.

Wie die beiden Genannten schreiben Adam Stephens und Tyson Vogel präzise Texte, erzählen als einfühlsame Beobachter Geschichten, die einfach nicht gut ausgehen können. Geschichten, die an eine üble Vergangenheit erinnern - oder in einer nicht minder widrigen Gegenwart angesiedelt sind. Etwa jene von dem schießwütigen jungen Mann, der sich seinen blutgierigen Dämonen so lange ausgeliefert wähnt, bis er so viele Männer getötet hat, wie er Jahre zählt. Den erhofften Seelenfrieden nach Erreichen dieses Ziels stellt der Tonfall des desperaten Gesangs dabei mehr als in Frage und am Ende ist klar: Erlösung bringt nur der Tod.

Die diesen wenig hoffnungsfrohen Erzählungen an die Seite gestellten schroffen Songstrukturen beleben die Gallants mit der Energie und dem Drang, wie er nur jungen Männern auf der Suche nach ihrem Platz im Leben eigen ist. Ähnliches kennt man in der Zeitrechnung nach Punk nur von dem von Jeffrey Lee Pierce um sich versammelten Gun Club sowie dessen Kindern - seien es die bibelfesten 16 Horsepower, die White Stripes oder der Einzelkämpfer William Elliott Whitmore. Die Wirkung des Materials verstärkt die manische Besessenheit des Vortrags, die sich stellenweise als Zerreißprobe für Adam Stephens Stimmbänder ausnimmt. Dieser klingt schon in den ruhigeren Stücken wie Marianne Faithfull mit schwerer Angina.

Einen guten Teil der verhandelten Themen - abzüglich der im Kriminal angesiedelten - leben die Gallants scheinbar auch selbst.

Vor dem beachtlichen Debüt The Throes aus 2004 verdingten sich die beiden vor allem mit selbst organisierten Clubtouren, reisten als musizierendes Duo durch den amerikanischen Kontinent und kennen auch schon Matratzen, die für sie in europäischen Backstage-Räumen bereitgestellt wurden. Mit der auf dieser andauernden Reise erspielten Reputation landeten die auf dem Album von Gastmusikern (Trompete, Cello. . .) unterstützten Hobos nun auf dem Label Saddle Creek, das mit Conor Oberst und seiner Band Bright Eyes einen sehr erfolgreichen und prominenten, jungen, unglücklichen Künstler stellt. An die Intensität des Existenzialismus der Two Gallants reicht dieser jedoch nicht heran. Das hier ist harte Suppe und hartes Brot, brutal und gänzlich unromantisch. Würde man die Geschwindigkeit aus den Stücken der Two Gallants rausnehmen, es blieben die erschütternden Berichte des späten Johnny Cash über. Derlei Kunstgriffe müssen die beiden noch lernen.

Aber: Das kann und das muss man von zwei 24-Jährigen nicht erwarten. Schon gar nicht angesichts dieses vergleichslosen Albums: Aus dem Weg, Satan! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2006)

Von Karl Fluch
  • Two Gallants: "What The Toll Tells" 
 (Saddle Creek/Ixthuluh)
    foto: saddle creek

    Two Gallants: "What The Toll Tells" (Saddle Creek/Ixthuluh)

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