Musikrundschau: Frauen zwischen Elektronik und Country

16. März 2006, 17:31
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Neue Alben von Ms. John Soda, Jane Birkin und Neko Case

Ms. JOHN SODA
Notes And The Like

(Morr/Soul Seduction)
Elektronischer Songwriter-Pop aus dem bayerischen Weilheim und dem Umfeld von Bands wie The Notwist, Couch, Console, Tied & Tickled Trio und natürlich den mit Ms. John Soda mehr als artverwandten Lali Puna kann auch mit dieser Kollaboration zwischen Weilheim-Häuptling Micha Acher und der sonst bei Couch tätigen Stefanie Böhm restlos überzeugen. Die melancholischen, ebenso bezaubernden wie mit außermusikalischen Lärmelementen behübschten neuen Songs bilden dieses Mal eine exakte Schnittmenge aus digitaler Studiotechnik und analogen Instrumenten. Dazu gesellen sich treibende Rhythmusgitarren, Bläser und Streicher sowie das Schlagzeug des sonst bei FSK tätigen Carl Oesterhelt. In diesem freundlich und großzügig angelegten, aber noch mit genügend Gestrüpp zum Durchkämpfen belassenen Klanggarten entfaltet sich Stefanie Böhms Altmädchengesang ganz prächtig.

JANE BIRKIN
Fictions

(EMI)
Bekannt wurde Jane Birkin durch ihre Zusammenarbeit mit dem französischen Musikgott Serge Gainsbourg (Je t'aime moi non plus). Nach dem Tod des visionären Songwriters und Produzenten hat sich Birkin eine beachtliche Solokarriere aufgebaut. Zuletzt etwa 2004 mit dem großartigen Album Rendez Vous, auf dem ihr etwa Bryan Ferry, Brian Molko (Placebo) oder Beth Gibbons (Portishead) beistanden. Wie damals haben auch jetzt wieder Renaud Letang sowie der ehemalige Electropunk Gonzales produziert und arrangiert. Auf der Gitarre allerdings werkt dieses Mal ein ganz Großer, Johnny Marr von The Smiths. Die brüchige und wackelige Stimme von Birkin mag noch immer gewöhnungsbedürftig sein. Ihre edlen Interpretationen von Neil Youngs Harvest Moon, Alice von Tom Waits, Waterloo Station von Rufus Wainwright oder My Secret von Beth Gibbons klingen als gefällig gehauchter Britpop mit Jingle-Jangle-Gezirpe und hübschen Keyboard-Gezwitscher allerdings frühlingsfrisch.

NEKO CASE
Fox Confessor Brings The Flood
(Anti/ Edel)
In einer besseren Welt würde die auch für The New Pornographers tätige Neko Case wegen ihrer neuen Soloarbeit sofort zur Königin von Nashville gekrönt werden. Allerdings vertraut die US-Sängerin mit der voluminösen Stimme weniger auf Songs über davongelaufene, versoffene Haderlumpen und sitzen gebliebene Mütter mit drei unversorgten Kindern oder darauf, dass das Gras daheim am grünsten und süßesten wächst. Gerade mit den teilweise auf blutrünstigen Sagen aus der ukrainischen Heimat ihrer Vorväter beruhenden neuen Songs aber und unheimlich verhallten Geisterhaus-Sounds, die filmisch idealiter von David Lynch umgesetzt werden könnten, dürfte ihr allerdings dieses Adelsprädikat auch weiterhin verwehrt bleiben. Mit Calexico sowie Howie Gelb und Americana-Veteran Garth Hudson von The Band selig gelingt ihr hier schon Anfang des Jahres im um Pop- und Rockelemente und vor allem um Bösartigkeit wie Musikalität erweiterten Country neben Jenny Lewis With The Watson Twins und ihrer hier kürzlich vorgestellten CD Rabbit Fur Coat zweifellos ein heuriger Höhepunkt im Genre. Anspieltipps: Hold On, Hold on, A Widow's Toast und Dirty Knife. Groß! (schach / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2006)

  • Ms. JOHN SODA Notes And The Like (Morr/Soul Seduction)
    foto: soul seduction

    Ms. JOHN SODA
    Notes And The Like

    (Morr/Soul Seduction)

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