Pink money

28. März 2006, 19:46
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Auf Gran Canaria setzt man schon seit Jahren auf die Kaufkraft der Schwulen und präsentiert sich "gay friendly"

Den Weg zum Strand weisen Holzpfähle, die alle paar Meter in den lehmigen Boden gerammt sind. An sie sollte man sich halten. Verlässt man diesen Pfad auch nur für wenige Schritte, steht man schon orientierungslos in einer Wüste. Eine Düne nach der anderen, nur Sand bis zum Horizont, darüber Himmel.

Zwischen den Hotelhochburgen Playa del Inglés und Maspalomas auf der spanischen Atlantikinsel Gran Canaria grenzt eine 250 Hektar große Dünenlandschaft direkt an den Ozean. Die Sandmassen stammen von brandungszerriebenem Korallenkalk. Der Wind bläst sie landeinwärts, wo sie sich zu wandernden Sicheldünen formieren.

Neben sich tummelnden Eidechsen, Kaninchen und Vögeln wachsen auch Pflanzen mit exaltierten Namen wie Schizogyne. Um sich wieder zu orientieren, ist die auffällige kanarische Dattelpalme mit den drei Stämmen nützlich, denn hier sind die Dünen stärker bewachsen. Gelegentlich zeigen sich Männer auf den sanften Kuppen des Naturschutzgebiets. Sie sind nackt und schauen sich suchend um. Dringt man tiefer in die Tamariskenhaine vor, entdeckt man zwischen Traganum-Strauch und rosa Strandflieder kleine, windgeschützte Sandgruben. Und darin vielleicht zwei nackte Männer, die gefunden haben, was sie vorher suchten.

Pink Playa del Ingles

Playa del Ingles ist einer der beliebtesten Urlaubsorte für schwule Männer. Dafür braucht es eine liberale Atmosphäre, in der homosexuelle Männer und Paare gern ihren Urlaub verbringen. Andere warme Hotspots verdanken diese Stimmung dem Jetset-Flair vergangener Tage wie Mykonos oder einer ehemaligen Künstlerkolonie, wie Sitges im Süden von Barcelona. In Playa del Inglés wurden bereits im 19. Jahrhundert in der Abgeschiedenheit der Dünen Männerfreundschaften gepflegt. Heute ist die spezielle Zielgruppe schlicht eine Vorgabe der Tourismuswirtschaft. Schwule sind ein lukratives Segment. Sie sind um 30 Prozent reiselustiger als heterosexuelle Männer und geben durchschnittlich um 45 Prozent mehr Geld aus, hat eine Studie der Austrian Gay Professionals und der Pink Marketing GmbH im Jänner 2006 ergeben.

Playa del Inglés setzt diese Erkenntnis schon lange in "Pink Money" um. Mit fast 365 Badetagen im Jahr gilt es, in den Nebensaisonen für Auslastung zu sorgen. Daher begrüßt man gern Schwule, die unabhängig von Schulferien auf Urlaub fahren.

Den Strandbereich, in dem sich fast nur Männer sonnen und in die hohen Wellen werfen, erkennt man leicht an der Regenbogenfahne, die stolz am Kiosk Nr. 7 in der Meeresbrise weht. Diese sieben Farben markieren für Schwule und Lesben seit mehr als 30 Jahren Orte, an denen sie sich willkommen fühlen.

Entweder mietet man eine überteuerte Liege in einer der vier Reihen oder man legt sich "in die Armut", also in den Sand. Als Unterschied zu anderen Strandabschnitten fällt nur auf, dass sich hier Männer - egal ob Engländer, Deutsche, Italiener, Franzosen, Holländer oder Spanier - liebevoll an den Händen halten.

Am späten Nachmittag macht man sich wieder nach Playa del Inglés auf. Ziel ist das "Cafe Wien", nächster Pflichttermin eines "verzauberten" Urlaubstags. Auf dem Dach des Shoppingcenters Cita nahe der Avenida de Tirajana lädt diese Konditorei nicht, wie ihr Name verspricht, zu Topfentorte und Melange. Der Käsesahnekuchen und das Kännchen Kaffee schmecken trotzdem - den ondulierten Rentnerinnen mit blaustichigem Haar im Gastgarten genauso wie den Chubby-Bären mit nacktem Oberkörper am Nebentisch. Chubby-Bären sind - oft starke - schwule Männer mit viel Körperbehaarung. Zurück im Hotel genießt man den Sundowner oder ertüchtigt sich im Fitnessraum. Viele der Unterkünfte in Playa del Inglés werben aktiv damit, dass sie "gay friendly" oder sogar "gay owned and operated" sind. Checken zwei Männer ein, müssen sie an der Rezeption nicht vorgeben, sie wären nur gute Freunde, die gemeinsam auf Urlaub fahren. Einige Hotels locken mit besonderen Angeboten wie zehn Prozent Rabatt für frisch verheiratete schwule Paare.

Ausgehen im Yumbo-Einkaufszentrum

Abends geht man im Yumbo-Einkaufszentrum aus. Im vierstöckigen Gebäudekomplex mit Terrassen rund um einen großen Innenhof gibt es an die 60 Restaurants, Bars und Clubs, die sich auf schwule Gäste spezialisiert haben. "Der Kuchen ist groß, aber es naschen auch immer mehr mit", sagt Andreas Heilemann vom Schwulenführer "Spartacus".

Der Thüringer blieb vor zwölf Jahren an seinem letzten Urlaubstag einfach an der Theke sitzen. Er kaufte mit Ehemann Mirko Heilemann die Bar, die bekannt für die Sangria mit den frischesten Zutaten ist. "Unsere Sangria hat den richtigen Bums, denn nur mit Qualität kann man sich hier langfristig behaupten", meint er und begrüßt auch neue Gäste mit Handschlag. Gute Kundenbindung eben.

Auf den Flaniermeilen des Yumbo finden sich weitere Cocktailbars, einige auch mit Travestieprogramm, oder Schlager-Beisln für den gepflegten Disco-Fox sowie Clubs mit House. In der "Cellar Men Bar" gilt übrigens ein rigider Dresscode. Eintritt finden lediglich Männer in Unterhosen, Jockstraps oder ganz nackt. Auf dem Weg nach Hause schaut man noch in die Bar "Retox Detox" an der Avenida de Tirajana. Man trinkt den exzentrischen Cocktail "Double Penetration" und feiert Mottopartys.

Steht die englische TV Serie "Absolutely Fabulous" auf dem Programm, kommen alle Gäste als Patsy verkleidet. Patsy, die große botoxkonservierte Blonde, ist eine Schwulenikone. Auskenner wissen, dass diese Kostümierung zu gewaltigem Alkoholkonsum verpflichtet. Am nächsten Tag schiebt man dann die Schuld auf den Hangover, sollte man auf dem Weg zum Strand wieder die Orientierung in den Dünen verlieren.

Anreise:
Z. B. Mit der LTU jeden Sonntag von Wien via Lanzarote nach Gran Canaria und retour: www.ltu.de
Unterkunft:
Spartacus International Gay Guide 2005 / 2006,
Bruno Gmünder Verlag, Berlin.
Allgemeine Infos:
Der ultimative schwule Reiseführer
"Elvira auf Gran Canaria",
Verlag rosa Winkel 2002, Berlin
Infos zum Naturschutzgebiet
www.grancanaria.com


(Peter Fuchs/Der Standard/rondo/17/03/2006)

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    Bronze-Skulptur des spanischen Künstlers Manolo Gonzalez, spielende Delphine symbolisierend.

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    So einsam ist es am kilometerlangen Strand zwischen Playa del Ingles und Maspalomas nur kurz nach Sonnenaufgang.

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