Hochbett

26. April 2007, 16:24
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Als Zeichen des Gipfelsieges die Bierfahne wehen zu lassen - Oder: Wenn sich der fieseste Muff unter der Zimmerdecke zusammenstaut

+++Pro
Von Martin Grabner

Ich habe gedacht, wir hätten uns in den letzten Jahren aneinander gewöhnt. Für mich ist der mühsame Aufstieg über deine steilen Stufen ins nächtliche Hochlager jedenfalls Routine, und du kannst doch längst nichts Störendes mehr an den merkwürdigen Geräuschen finden, die dem Gerücht nach aus meinem Rachen kommen sollen. Vielleicht bist du verärgert, weil der begehbare Schrank unter dir immer mehr zu einem Lager für Bergsteigerausrüstung verkommt und wir dich öfters als Klettersteig missbrauchen, um die Seilschaftsabläufe im Trockenen zu üben. Oder kannst du es nicht leiden, wenn ich nach einem Gasthausabend die Stufen hinaufstürme, um als Zeichen meines Gipfelsieges die Bierfahne wehen zu lassen?

Das ist aber noch lange kein Grund, mich einfach runterzuwerfen. Jetzt muss ich aus Sicherheitsgründen im Wohnzimmer auf dem Sofa nächtigen. Liebes Hochbett, ich gelobe Besserung und räume den Saustall unter dir auf, damit du wieder schön aussiehst. Sollte wieder einmal ein lustiger Gasthausbesuch vorkommen, putze ich mir danach ordentlich die Zähne und montiere ein Fixseil, um sicher aufsteigen zu können.

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Contra---
Von Christoph Winder

Erinnern Sie sich daran, wie in der Schule die Geschichte von Prokrustes durchgenommen wurde? Wenn nein, kein Problem. Ihr Contra-Schreiber verrät nichts und hilft Ihnen auf die Sprünge: Prokrustes alias Damastes, griechischer Perversling, welcher seine Gäste in zu kurzen oder zu langen Betten unterzubringen pflegte. Nächstens brachte er dann Gast und Bett größenmäßig in Einklang, indem er dem Schläfer die Gliedmaßen teilamputierte (Methode "Prokrustes kurz") oder ihn auf der Streckbank in die Länge zog (Methode "Prokrustes lang"). Wäre dieser Vorfahr von Hannibal Lecter nicht von Theseus umgebracht worden, triebe er heute noch sein Unwesen, er würde sein Folterrepertoire sicher um das Hochbett erweitern.

Schon einmal im Sommer in einem Hochbett geschlafen, wenn sich der fieseste Muff unter der Zimmerdecke zusammenstaut? Schon einmal in der Nacht aus zwei Meter Höhe auf einen Steinfußboden gefallen? Schon einmal mit dem Schädel gegen die Bettkante gedonnert, weil sich die Bettkante in ihrem Schlafzimmer absurderweise in Kopfhöhe befindet? Das nennt sich dann "Prokrustes hoch". Gute Nacht allerseits!
(Der Standard/rondo/17/03/2006)

  • Artikelbild
    foto: ikea
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