Krisen über Krisen

16. März 2006, 17:07
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Jetzt soll eine Verordnung klären, wie viel Sex eine Kolumne enthalten darf

Eine entsetzliche Krise. Ich hab mich krankgemeldet und ins Bett gelegt, um mich der Krise besser hinzugeben. Die Promi-Krise, die Kunst-Krise, die Liebes-Krise - alles ganz erschütternd. Und dann noch die EU. Jetzt soll eine Verordnung klären, wie viel Sex eine Kolumne enthalten darf. Eine zugelassene EU-Kolumne darf nicht mehr als 3 Prozent Sex enthalten, nicht weniger als 13 Prozent Gesellschaftskritik und nicht mehr als 33 Prozent Product-Placement. Für Montag-bis-Donnerstag-Kolumnen gelten noch viel härtere Bedingungen, sie müssen 100 Prozent rauchfrei sein, einer Wochenend-Kolumne erlaubt man noch bis zu 8 Prozent Alkohol.

Da stürzt schon die nächste Krise auf mich zu, denn meine Alters-Krise (nach mir drehen sich nur noch Männer über 52 um) versuche ich ja durch manches Krisen-Achterl zu verdrängen, worauf C. gemeint hat, wir müssen es jetzt uns und der Welt beweisen und mindestens bis Ostern ohne Alkohol leben. Ja, man kann ohne Alkohol leben. Aber nur nüchtern. Die Nüchternheits-Krise droht. Sie lähmt. Man kann nichts mehr beginnen, weil man in der großen Nüchternheit sofort erkennt, wie alles endet. Vergeblich alles Streben, entweder man bringt das Projekt gar nicht zu Ende oder nur schlecht und blamabel.

So auch die Krisen-Kolumne. Zitieren ist bei EU-Norm-Kolumnen bis zu 8,5 Prozent erlaubt, soll ich die Kolumne durch einen geborgten Witz retten? Also, in Altmans neuem Film sagt der eine zum anderen: "I think my wife is dead." Warum? "Well, Sex is still the same, but the dishes are growing." Ein Krisen-Witz, ich gebe es zu, aber die 3 Prozent Sex wären abgehakt. Aber eigentlich sind 3 Prozent Sex zu viel. Sex erlebt ja zur Zeit eine ganz große mediale Krise. Er ist out. Modern sind stattdessen tablettensüchtige Hausfrauen. Krisengebeutelte Hausfrauen. Hinter diesem Trend steckt die tiefe Krise der Pharma-Industrie, die die schwindenden Gewinne wegen Billig-Viagra kompensieren muss. (EU-Kolumnen dürfen bis zu 0,4 Prozent haltlose Spekulationen enthalten.) Die Geschirrberge wachsen.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/17/03/2006)

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