Der Text als Axt im Eismeer der Seele

20. März 2006, 19:47
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Dramatikerinnenwunder: Anja Hillings "Bulbus" wird am Donnerstag im Burg-Kasino uraufgeführt

Wien - Das Stück "Bulbus" der Berliner Jungdramatikerin Anja Hilling (Jahrgang 1975) verhandelt die zwei geläufigsten Spielarten des Extremismus: Es beschwört, anhand zweier gefrorener Menschenkinder, den Terror der Nähe. Es feiert, anhand von vier stadtflüchtigen Aussteigern im unzugänglichen Dorf namens "Bulbus", den parallelen Schrecken einer schier unüberwindlichen Distanz.

Bulbus, von der Schreibwerkstatt der Wiener Burg angestoßen, wird heute im Kasino am Schwarzenbergplatz uraufgeführt (20 Uhr, Regie: Daniela Kranz). Es zeigt, als denkbar verwinkelte, an Eisdecken und Schweigemauern gleichermaßen kratzende Tragödie, nicht bloß, wie beide Generationen jeweils zu dem wurden, was sie heute sind: Zukunftsverlierer, die sich im Schlick der Vergangenheit wälzen. Die, wenn sie alt und liebeskrank geworden sind, über die dünne Eisdecke der täglichen Banalexistenz wie über eine Spiegelfläche der Schuld darüberbalancieren.

Es verdeutlicht, dass wir, die abgebrühten Menschenkenner als Zuschauer, Lebensverläufe gegen deren "natürliche" Verlaufsrichtung lesen sollen. Dass wir Existenzzusammenhänge enträtseln müssen, indem unsere Pupillen wie Eisstöcke über das Gefrorene in (und außerhalb von) uns drüberwischen.

Liebe, behauptet Hilling in ihrem betörend vielschichtigen Text, findet ihr Maß im Grad der Erwärmung, die zwei Menschen einander spenden: unter dem Eis der Verhältnisse. Im wirklichen Leben ist Hilling, deren Stücke landauf, landab herumgereicht werden, die "Coolness" in Person.

Wenn sie schreibe, sagt Hilling, "merke ich mehr und mehr, wie ich in das Chaos der Rekonstruktion hineingerate. Was ist Erinnerung, was Fiktion und was Wirklichkeit?" In Bulbus gehe es erst einmal darum, dass zwei junge Menschen "in derselben Nacht vom Blitz getroffen worden sind". Hält man die beiden Feuermale am Rücken aneinander - erhält man das zusammengesetzte Bild eines Auges.

Kann man das Dramatisieren von Geschichten erlernen? Man könne sich immerhin ansehen, wie die "Großen" das gemacht hätten, antwortet Hilling. Ihre persönliche Erfolgsgeschichte liest sich wie eine natürliche beschleunigte Abfolge von Nähe- und Distanzerfahrungen. Vier Stücke liegen vor, das Handwerk erlernte sie im Studiengang "Szenisches Schreiben" in Berlin. Ein Studienaufenthalt am Londoner Royal Court Theatre rundet das Bild einer eigensinnigen Person ab, die ihren Lebensunterhalt bis heute als Kellnerin in Berlin-Mitte zum Großteil bestreitet.

Kann man szenisches Schreiben also erlernen? Hilling: "Ich hab echt keine Antwort. Das Studium war für mich vor allem die Möglichkeit, mit anderen Autoren zusammenzukommen. Das ist doch schon mal was."

Prägen Schreibschulen den persönlichen Stil? "Na ja: Also ich schreib sowieso mit großer Distanz zum Theaterbetrieb, lass meine Welten im Kopf entstehen - und kümmere mich erst mal gar nicht drum, ob das auch möglich wäre auf einer Bühne." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.3.2006)

Von Ronald Pohl
  • Anja Hilling - durch den Anstoß der Burg zu einem famosen Dramentext.
    foto: werner

    Anja Hilling - durch den Anstoß der Burg zu einem famosen Dramentext.

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