Zum schwarzen Bier polnischer Speck

15. März 2006, 18:23
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Die irische Regierung gestattete den Bürgern der neuen EU-Länder in Mitteleuropa vom 1. Mai 2004 an unbeschränkte Freizügigkeit

Die irische Regierung gestattete den Bürgern der neuen EU-Länder in Mitteleuropa vom 1. Mai 2004 an unbeschränkte Freizügigkeit. Die offene Einladung wurde begeistert akzeptiert. Irland ist dadurch bunter geworden.

Dublin - Im Laden einer Tankstelle an der Hauptstraße von Dublin nach Belfast wird neuerdings polnischer Speck verkauft. Iren essen eigentlich keinen Speck - was beim landesüblichen Frühstück gebrutzelt wird, ist geräuchertes Schweinefleisch. Aber die Iren sind bekanntlich nicht mehr unter sich. Seit dem 1. Mai 2004, als die zehn neuen EU-Mitglieder feierlich aufgenommen wurden - passenderweise in Dublin - erlaubt die Republik unbeschränkte Freizügigkeit.

Bis Ende Februar haben 184.000 Bürger aus diesen Ländern davon Gebrauch gemacht. Sie machen inzwischen etwa acht Prozent der Beschäftigten aus. In Restaurants, auf Baustellen, an der Kaufhauskasse: Überall sind Polen, Litauer, Letten und Slowaken anzutreffen. Sie genießen einen ausgezeichneten Ruf, gelten als fleißige Arbeiter. Der staatliche Rundfunk sendet gelegentlich Behördenmitteilungen auf Polnisch.

Keine Meldepflicht Exakte Zahlen gibt es keine, da Irland keine Meldepflicht kennt. Niemand weiß, ob all jene, die eine irische Sozialversicherungsnummer beantragt haben, wirklich auch Arbeit fanden. Aber der Vergleich mit dem Vereinigten Königreich, einer 15-mal größeren Volkswirtschaft, wo im selben Zeitraum etwa 350.000 neue EU-Bürger registriert wurden, bietet Einblicke.

Das wirtschaftlich erfolgreiche kleine Irland wird in den neuen EU-Ländern seit Jahren als Vorbild gepriesen. Sobald sich die Möglichkeit bot, dort gutes Geld zu verdienen, ergriffen viele die Gelegenheit beim Schopf.

Inzwischen gibt es Direktflüge von Dublin nach Warschau, Danzig, Kattowitz, Krakau, Lodz, Breslau, Posen, Kaunas, Riga, Bratislava und Kosice. Vom westirischen Shannon kann man immerhin nach Warschau fliegen, und die irische Busgesellschaft fährt täglich von Dublin nach Warschau. Die Fahrt dauert 42 Stunden.

Erhebungen zeigen, dass die "neuen Iren" mehrheitlich jung und allein stehend sind. Sie wollen für ein paar Jahre schuften, sparen und dann nach Hause zurückkehren. Ihre Träume sind den Iren vertraut: Sie waren immer schon zur Emigration gezwungen, sie stellten die Polizisten und Gewerkschafter in Neuengland, sie gruben die englischen Tunnel. Entsprechend wurden sie verspottet und als Halbwilde behandelt. Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb die neuen Gastarbeiter jetzt im Allgemeinen gut behandelt werden.

Abschreckende Beispiele gibt es wohl, aber sie scheinen nicht die Regel darzustellen. Im letzten Dezember wurde die Fährgesellschaft Irish Ferries bestreikt, weil sie mit neuer Billigbesatzung - mehrheitlich aus dem Baltikum - unter einer andern Flagge segeln wollte. Zehntausende demonstrierten in mehreren irischen Städten gegen die Erosion von hart erkämpften Rechten, und die neuen Gastarbeiter marschierten mit. Die Regierung versicherte, sie werde sich gegen Billiglöhne und Ausbeutung einsetzen, der Mindestlohn von 7,65 Euro pro Stunde gelte für alle - bloß auf See nicht. In den laufenden Gesprächen zwischen den Sozialpartnern über einen neuen Pakt spielt nun die Durchsetzung von Regeln eine wichtige Rolle.

Bisher hatte Irland mehr Hundefänger als Arbeitsinspektoren. Die Solidarisierung der irischen Werktätigen mit den Gastarbeitern steckt gewiss noch in den Kinderschuhen, aber Ansätze sind da. (DER STANDARD, mal, Printausgabe, 16.3.2006)

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