Materialschlacht um Glücksverheißungen

12. Juni 2006, 20:25
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Scheitern mit Niveau: Das aufwändige Kabarett-Programm "Düringer ab 4,99" im Orpheum

Wien – Auch Roland Düringer gibt es nun billiger. Dies festzustellen, ist natürlich aufgelegt. Denn der Kabarettist nennt sein neues Programm, präsentiert im transdanubischen Orpheum, Düringer ab 4,99. Und so sorgt er mit dem billigsten Trick für den größten Lacher: wenn der Sessel unter ihm zusammen bricht.

Andererseits: Der muskelbepackte Schmähführer, der gerne den halbstarken Prolo raushängen lässt, hat keine Kosten gescheut. Düringer ab 4,99 ist mit zwei Vidiwalls, Livekameras und mehreren Videoeinspielungen (samt Cameo-Auftritten von Alfred Dorfer, Andrea Händler, Reinhard Nowak etc.) aufwändig wie wohl kaum eine andere Kleinkunstproduktion zuvor.

Dieser Widerspruch ist bezeichnend für den gesamten Abend, der in zwei Hälften zerfällt, die fast nichts miteinander zu tun haben. Roland Düringer wagte viel, vielleicht zu viel, und er scheiterte. Was er sogar eingesteht, wenn er sich mit den Worten verabschiedet: "Ich weiß, Sie haben sich zum Schluss nicht mehr gut unterhalten, aber das war im Sinne des Erfinders."

Düringer wollte uns zum Nachdenken anregen, vor der Manipulation, vor Leitbildern der Werbeindustrie, vor den Glücksverheißungen warnen. Aber dann hat er sich irgendwie völlig zerfranst. Und so herrscht im Publikum schließlich nur mehr Ratlosigkeit.

Gut, am Anfang steht der alte Düringer in der Lederjacke auf der Bühne. Aber er hat Pech: Erst vor wenigen Wochen ist Werner Brix in Unter Zwang mit Clownnase und Videokamera aufgetreten. Leider hat Düringer auch nichts Zündendes oder Neues zu sagen, wenn er die Konsumgüter als Ersatzreligion beziehungsweise -befriedigung decouvriert.

Einziger Höhepunkt der Materialschlacht ("Wer Prospekte sät, wird Profit ernten!") bis zur Pause bleibt ein Dialog mit einem Freund, der zum Beispiel auf die Frage, wie es den Kindern geht, nur antwortet: "Danke! Denen hab ich eine X- Box gekauft. Weißt wie geil!"

Danach aber wird es wider Erwarten kurzfristig geradezu grandios: Düringer erscheint, eklig nobel in tiefes Rot gewandet, als Boss des Dienstleistungsunternehmens P.H.I., das der komplexbeladenen Menschheit Perfektion in Aussehen wie Auftreten – mithin das Glück schlechthin – verspricht. Er bewegt sich wie Ben Kinsley in Species: aalglatt, extrem diabolisch. Und er spricht wie dessen deutsche Synchronstimme: dass einen fast schaudert.

Roland Düringer schiebt keine Wuchteln, sucht die direkte Konfrontation mit seinen Zuhörern, fordert sie heraus, reagiert blitzschnell: Diesen Mut muss man erst einmal haben. Doch das schlechte Gewissen meldet sich mit Wiener Umgangssprache etwas zu oft zu Wort: Das Gedankengebäude zerfällt in Nichts. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.3.2006)

Von Thomas Trenkler
  • Roland Düringer
    foto: standard/corn

    Roland Düringer

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