"Transamerica": Unterwegs zu Bree

16. März 2006, 06:00
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Duncan Tuckers "Transamerica" über einen Mann, der eine Frau sein will, aber vorher noch in seine Elternrolle finden muss

US-Schauspielerin Felicity Huffman, hier zu Lande aus "Desperate Housewives" bekannt, spielt in Duncan Tuckers "Transamerica" einen Mann, der eine Frau sein will, aber vorher noch in seine Elternrolle finden muss.


Wien – Bree hieß früher einmal Stanley. Sie war ein Mann, der sich mit seinem biologischen Geschlecht uneins fühlte. Jetzt ist sie eine Frau, die kurz davor steht, ihre Metamorphose mit einer Geschlechtsumwandlung zu vervollkommnen. Äußerlich entspricht sie diesem Bild schon sehr. Bree legt Wert auf gepflegtes Auftreten und gute Manieren. Wenn der Wind ihr den Hut vom Kopf fegt, gleicht das fast schon einer unziemlichen Attacke gegen ihre Person.

Bree wird von Felicity Huffman verkörpert, die hier zu Lande vor allem als von ihren Kindern auf Trab gehaltene Lynette aus der Serie Desperate Housewives bekannt ist. In Duncan Tuckers Film "Transamerica" hat sie nun die Gelegenheit, über dieses begrenzte Rollenschema hinaus tatsächlich darstellerische Fähigkeiten zu demonstrieren.

Aus der Rolle fallen

Eine Frau, die einen Mann spielt, der sich die Rolle einer Frau zulegt – diese mehrfach gebrochene Aneignung eines Parts gelingt Huffman nicht einfach nur: Bree wird vielmehr als Figur erfahrbar, die sich an ihr Ideal heranarbeitet – und dabei immer wieder Defizite aufzeigt, im wörtlichen Sinn aus der Rolle fällt.

Von der vordergründigen Attraktion einer schauspielerischen Anstrengung, die nur blenden will, ist sie damit weit entfernt. Neben "Brokeback Mountain" und "Capote" einer jener jüngeren Hollywoodfilme, die sich devianter sexueller Identitäten annehmen, ist "Transamerica" noch deutlicher als Independent-Produktion klassifizierbar und also jenem Sektor zugehörig, aus dem bis vor Kurzem noch die Mehrzahl von Filmen mit solcher Schwerpunktsetzung kam.

Das macht Tuckers Arbeit noch lange nicht authentischer – allenfalls im Tonfall und im erzählerischen Gestus ein wenig berechenbarer. Brees Verwandlung in eine Frau wird unvorhergesehen verzögert. Sie erfährt, dass sie einen Sohn hat, der in New York wegen eines Drogendelikts verhaftet wurde.

Ihre Therapeutin (Elizabeth Peña) verordnet ihr daraufhin, sich damit auseinander zu setzen. Erst dann will sie die Operation bewilligen. Bree muss ihre Vaterschaft akzeptieren, um zur Frau, vielleicht sogar zur Mutter zu werden. Toby (Kevin Zegers), der als Stricher sein Geld verdient, stellt sie sich zunächst als Christin vor, die ihn auf den rechten Weg geleiten will. Der verläuft quer durch Amerika, zurückgelegt wird er im Auto:

"Transamerica" erzählt ihre Annäherung im Modus eines Roadmovies, das ironischerweise durch das konservative US-Heartland führt, wo die Reisenden wie zwei Fremdkörper erscheinen müssen. Die Komik des Films verdankt sich zum einen diesem Kontrast, aber auch zwischen Toby und Bree gibt es genügend Anlass für Kalamitäten, die Tucker nicht breit ausspielt, sondern in sein Bild einer Gemeinschaft integriert, in der jeder vorm anderen etwas verbirgt. Anhand von Zufallsbegegnungen zeigt "Transamerica" wie nebenbei, dass Amerika eher einem Ort der vielen Minderheiten gleicht.

Der gelungenste Abstecher führt ins Herz der "Normalität", zu Brees Eltern nach Arizona. Hier wechselt Tucker nochmals die Gangart und entwirft in der Konfrontation mit der hysterisch-dominanten Mutter (Fionnula Flanagan) und dem passiv leidenden Vater (Burt Young) das monströse Zerrbild einer Mittelklassefamilienidylle und zeigt doch zugleich auf, an welchem Frauenbild Bree ihr eigenes orientiert hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.3.2006)

Von
Dominik Kamalzadeh
  • Felicity Huffman
    foto: einhorn

    Felicity Huffman

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