Chance, den "harten Burschen" zu spielen

18. März 2006, 20:30
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Crisis Group: Der Angriff in Jericho war Teil des Wahlkampfes von Israels Premier Olmert

Ramallah/Wien – Es ist der Morgen des 27. August 2001: Abu Ali Mustafa, Chef der Palästinensischen Front für die Befreiung Palestinas (PLFP), sitzt in seinem Büro im PLFP- Hauptquartier in Ramallah, als zwei israelische Raketen in das Haus einschlagen.

Der 63-Jährige, den Israel für eine Reihe von Anschlägen verantwortlich macht, ist auf der Stelle tot. Die PLFP schwört Rache, die Eskalation der Gewalt nimmt ihren Lauf bis hin zu den jüngsten Gewaltakten. Ein PLFP-Kommando erschießt im Oktober 2001 den israelischen Tourismusminister Rehavam Zeevi. Die Drahtzieher des Mordes, darunter PLFP-Chef Ahmed Saadat, werden im Westjordanland verurteilt.

Das Abkommen von Ramallah mit Israel legt im Mai 2002 fest, dass die Attentäter im‑ Jericho-Gefängnis untergebracht werden. Britische und US-Beobachter sollen sicherstellen, dass die Männer hinter Gittern bleiben. Kurz vor dem Angriff am Dienstagmorgen wurden die Beobachter abgezogen.

Auch deswegen entlud sich die Wut vieler Palästinenser vor allem gegen britische Einrichtungen im Gazastreifen. "Die Palästinenser konnten nicht für die Sicherheit unserer Leute sorgen", begründet Dan Chugg, Sprecher des britischen Außenministeriums, den Abzug der Beobachter. Zudem hätten die Palästinenser das in Ramallah unterzeichnete Abkommen über die Inhaftierung der Hintermänner des Zeevi-Anschlages verletzt. So hatten die Männer etwa Mobiltelefone in ihrer Zelle, obwohl das untersagt war. Die Israelis seien über die Uhrzeit des Abzuges jedenfalls nicht im Vorhinein informiert worden, sagt Chugg.

Dass es Israel primär um die Ergreifung der Zeevi-Mörder ging, bezweifelt indes Moyin Rabbani, Nahostexperte der International Crisis Group, eines Thinktanks mit Hauptsitz in Brüssel. Vielmehr sollte Israels wahlkämpfender Premier Ehud Olmert die Chance bekommen, "den harten Burschen" zu spielen. Zudem sollte der Druck auf die Autonomiebehörde erhöht werden, um ein Scheitern der Hamas- Regierung zu bewirken.

"Die Palästinenser sind jetzt so aufgebracht, dass es jetzt fast unmöglich für die Hamas ist, ihre radikale Haltungen gegenüber Israel zu ändern", sagt Rabbani. Die USA würden diese "Torpedierung" der Regierungsübernahme durch die Hamas durch Israel unterstützen. Auch wenn das jetzt angerichtete Chaos in den Palästinensergebieten nicht das der USA sei, kann Rabbani nicht sagen, welchen Alternativplan Washington bereithält: " Aber wir haben ja auch im Irak gesehen, dass es oft keinen Plan B gibt." (DER STANDARD, Print, 16.3.2006)

András Szigetvari
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