"Eine Form der Horizonterweiterung"

31. März 2006, 10:15
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Martin Stranzl wechselt für eine Rekordablöse zu Spartak Moskau. Der Teamspieler im STANDARD-Interview über seine Beweggründe

Standard: Es ist gar nicht so lange her, da wollten Fußballer eher raus aus Russland. Sie haben sich nun für drei Jahre an Spartak Moskau gebunden, geben den Job bei Stuttgart in der deutschen Bundesliga auf. Ist das nicht ein Rückschritt?
Stranzl: Nein. Der russische Fußball hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt, viele Fußballer kehren zurück, es wird enorm investiert. Spartak spielt in der Qualifikation zur Champions League. Das ist eine Herausforderung, der Kontakt bestand seit Dezember. Die deutschen Klubs stehen im internationalen Vergleich sicher nicht besser da. Ich betrachte das keinesfalls als sportlichen Abstieg.

Standard: Was waren die ausschlaggebenden Argumente, vom Geld abgesehen? Sie sollen eine Million Euro pro Saison verdienen, Hauptsponsor ist der Ölkonzern Lukoil.
Stranzl: Über Geld spricht man nicht. Spartaks Generalmanager Sergej Schawlo hat mir versichert, dass ich in der Innenverteidigung eingesetzt werde. Das ist, obwohl man natürlich flexibel sein soll, meine absolute Lieblingsposition. Bei Stuttgart hat mich im Sommer der neue Trainer Giovanni Trapattoni gefragt, wo ich mich am wohlsten fühle. Ich antwortete ,im Abwehrzentrum‘ und wurde dann meistens außen aufgestellt.

Standard: Trapattoni wurde ja mittlerweile wegen Erfolglosigkeit gefeuert. Hätten Sie sich nicht durchbeißen können?
Stranzl: Darum geht es gar nicht. Stuttgart steht finanziell nicht toll da, sie brauchten das Geld. Es spricht ja für mein Können, dass ein Verein bereit ist, für den Martin Stranzl eine hohe Ablöse zu zahlen.

Standard: Angeblich 4,5 Millionen Euro. Sie sind somit der teuerste österreichische Fußballer. Erfüllt Sie das mit Stolz?
Stranzl: Nein, darum kann ich mir nichts kaufen. Außerdem weiß ich nicht, was ich tatsächlich gekostet habe. Es interessiert mich auch nicht.

Standard: Aber es ist doch ein Wechsel ins Ungewisse, haben Sie ein wenig Angst?
Stranzl: Angst ist der falsche Ausdruck. Die Neugier überwiegt. Ich und meine Frau tauchen in eine neue Welt und in eine andere Kultur ein. Es ist eine Form von Horizonterweiterung. Der Sprachlehrer ist engagiert, wir wollen uns schnell einleben. Und mit Englisch kann man sich am Anfang schon durchschlagen. Ich sehe Moskau nicht als Zwischenstation, sondern als ein längerfristiges Engagement. Als Fußballer musst du auf den Moment konzentriert sein, Woche für Woche deine Leistung bringen.

Standard: Welche Rolle spielt die EM 2008 in Ihrer Planung?
Stranzl: Eine sehr große, sie ist immer präsent. Teamchef Josef Hickersberger hat mir übrigens zum Transfer nach Russland gratuliert.

Standard: Es wurde jahrelang bemängelt, dass kaum Österreicher im Ausland kicken. Paul Scharner und Emanuel Pogatetz sind nun in England engagiert, Sie in Russland. Trotzdem verliert das Nationalteam gegen die kanadische Auswahl mit 0:2. Sehen Sie ein Licht am Ende des Tunnels?
Stranzl:Gegen Kanada war ich verletzt, ich sah das Match von der Tribüne. Es war schlimm, ich dachte mir, was sich alle gedacht haben. Schrecklich. Aber wir haben noch Zeit, jedes Spiel ist ein wichtiger Lernprozess. Viele Legionäre können, sofern sie zum Einsatz kommen, nie schaden. Das Niveau der österreichischen Liga kann ich nicht beurteilen, ich war ja noch nie in ihr tätig. Aber es dürfte nicht berauschend sein. (Mit Martin Stranzl sprach Christian Hackl - DER STANDARD PRINTAUSGABE

Zur Person

Martin Stranzl (25) wurde in Güssing geboren. Ab seinem 16. Lebensjahr kickte er für 1860 München, er schaffte den Sprung vom Nachwuchs in die Erste. 2004 wechselte der Defensivspieler zu Stuttgart, die Ablöse betrug 650.000 Euro. Am Dienstag unterzeichnete der 29-fache Teamspieler einen Dreijahresvertrag bei Spartak Moskau. In einer Woche soll er debütieren.

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