Renaissance der Community

24. März 2006, 13:34
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Die junge Wiener Szene findet im WUK in der "JazzWerkstatt" zusammen

Wien - "Wenn man als junger Jazzer nach Wien kommt und studiert, hat man relativ gute Möglichkeiten, Leute kennen zu lernen und Dinge auszuprobieren. An der Musik-Uni etwa und, noch wichtiger, auf den vielen Sessions. Wien ist zudem ein Ort, wo es viel Input gibt. Wir müssen nicht nach New York fliegen, um diesen oder jenen Musiker zu hören - wir können z. B. ins Porgy & Bess gehen", sagt Clemens Wenger.

Gemeinsam mit Clemens Salesny und Wolfgang Schiftner scheint er auf den ersten Blick durchaus einzustimmen in die Lobgesänge, die zurzeit in deutschen Magazinen auf die durch ihre Konzertdichte jeden Vergleich bestehende Jazzstadt Wien gesungen werden - unlängst sprach man in Jazzthetik von "Europas Jazzmetropole Nr. 1". Und doch dürften die drei Mittzwanziger irgendwann gespürt haben, dass für ihresgleichen hier nicht alles eitel Wonne ist. Wenger: "Man lernt sich auf Sessions kennen und probt, probt, probt. Doch die Musik braucht auch Publikum, Feedback - das hat gefehlt. Im ,Porgy' sind die Sessions immer sehr hilfreich; dort einen Gig zu bekommen, ist kaum möglich." Also schritt man ganz unösterreichisch zur Tat.

Lose von der Workshop-Band Charles Mingus' inspiriert, gebar Wenger die Idee einer musikereigenen Präsentationsplattform: Gemeinsam mit Salesny, Schiftner, Posaunist Daniel Riegler, Gitarrist Peter Rom und Bassist Bernd Satzinger gründete er Ende 2004 den Verein "JazzWerkstatt Wien". Salesny: "Wir haben Kollegen gesucht, die alle auch Komponisten und Bandleader sind. Wir wollten keine Standards spielen. Die Idee war, einen Raum zu mieten und zu präsentieren, was es gibt."

Es gab viel zu präsentieren. Der Raum wurde im Wiener WUK gefunden, das man 2005 vier Wochen in öffentlichen Nachmittagsproben und Abendkonzerten beschallte. Wobei es den Musikern und der um sie entstehenden Community nicht um bilderstürmerische Experimente, vielmehr um eine unpuristische Haltung und scheuklappenlosen Blick auf die Jazztradition ging.

Zwischen gebundenem und freiem Spiel, zwischen Punk, Elektronik und Noise wurde da nach eigenen Formen für die persönlichen Ausdrucksbedürfnisse gesucht - und diese in erstaunlich reifen Resultaten gefunden, wie auch die Früchte des angeschlossenen Labels Jazzwerkstatt Records demonstrieren: Salesny und Wenger haben dort soeben das formidable Duo-Album Die wilden Jahre vorgelegt, auf dem sich Improvisationen ohne Netz ebenso finden wie Wiener- und Kinderlied-Adaptionen.

Schiftner hingegen ist mit dem Trio Kelomat zugange, einer der vielversprechendsten Newcomer-Bands, die die diskursive Stringenz Ornette Colemans und die Cut-up-Technik John Zorns in ein virtuoses, elastisches Setting verpackt. Erfreulicherweise zeigen derlei Umtriebe Wirkung. Heuer wird man bereits auf dem Festival in Moers, einem der bedeutendsten Deutschlands, zu Gast sein.

Grund genug, erneut ins WUK zu laden und 80 Musizierende (vom Duo bis zur Big Band) eigene musikalische Gedanken formulieren zu lassen. Ohne Gage, bei freiem Eintritt. Bleibt für Salesny, Schiftner, Wenger und Kollegen zu hoffen, diesmal nicht wieder einen Gutteil des Budgets "aus den eigenen sechs Hosentaschen" zuschießen zu müssen. Und wenn doch? Was wirklich zählt, sei der Community-Gedanke: "Es entsteht eine besondere Energie", so Schiftner. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2006)

Von Andreas Felber

Bis 8. 4., WUK: Proben: ab 14 Uhr; Konzerte: 20 Uhr

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jazzwerkstatt.at

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Pianist Clemens Wenger und die beiden Saxofonisten Clemens Salesny und Wolfgang Schiftner sorgen für eine Belebung der heimischen Jazzszene.
    foto: standard/ hendrich

    Pianist Clemens Wenger und die beiden Saxofonisten Clemens Salesny und Wolfgang Schiftner sorgen für eine Belebung der heimischen Jazzszene.

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