Europäische Superbörse rückt näher

30. März 2006, 19:39
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Auf dem europäischen Parkett bahnt sich große Börsen-Ehe an: Deutsche Börse kündigte in Frankfurt "konkrete Verhandlungen" mit der Vierländerbörse Euronext an

Frankfurt - Auf dem europäischen Parkett bahnt sich eine große Börsen-Ehe an: Die Deutsche Börse kündigte am Mittwoch in Frankfurt "konkrete Verhandlungen" mit der Vierländerbörse Euronext an. Zusammen mit der Betreiberin der Handelsplätze Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon wollen die Frankfurter einen "weltweiten Marktführer in der Branche" schaffen.

Im Dezember waren ähnliche Gespräche an Details und Eitelkeiten gescheitert. Der Vorstoß der US-Technologiebörse Nasdaq zu einer Übernahme der Londoner Börse LSE zwingt die Europäer jedoch jetzt zum Handeln.

Überraschender Rückzug

Am Dienstag hatte Euronext-Chef Jean-Francois Theodore seine ablehnende Haltung gegen einen Zusammenschluss mit den Deutschen überraschend aufgegeben. Euronext sei erfreut, dass sie der bevorzugte Partner der Deutschen Börse sei, hatte er gesagt, nachdem er auf den unverblümten Vorstoß von Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni Ende Februar noch unwirsch reagiert hatte. Zwar gäbe es noch Differenzen bezüglich des Geschäftsmodells, diese ließen sich jedoch mit etwas Zeit, gutem Willen und Kreativität lösen, sagte der Franzose.

Der plötzliche Sinneswandel ist ganz offensichtlich Ergebnis des lukrativen Übernahmeangebots der US-Technologiebörse Nasdaq für die London Stock Exchange (LSE). Der gemeinsamen Übermacht der Amerikaner und Briten hätten die kleinen europäischen Börsen nur wenig entgegenzusetzen. Zusammen könnten Deutsche Börse und Euronext jedoch in der Weltliga mitspielen.

Rückenwind aus der Politik

Rückenwind für eine europäische Superbörse kam am Dienstag auch aus der Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der französische Präsident Jacques Chirac hatten eine mögliche Fusion am Dienstag auf ihrem deutsch-französischen Gipfel in Berlin als "interessant" bezeichnet.

Deutsche Börse wie Euronext hatten sich im vergangenen Jahr vergeblich um die Londoner Konkurrentin bemüht. Die Frankfurter mussten ihre Pläne aber auf Druck ihrer eigenen Aktionäre begraben, Euronext blieb zu halbherzig in ihren Avancen. Am Mittwoch hieß es erneut, die Deutsche Börse habe ihre Ambitionen in Richtung London aufgegeben, obwohl die britische Wettbewerbsbehörde dies unter Auflagen genehmigt hatte.

Die Frankfurter behielten sich jedoch vor, ihre Position zu überdenken und ein Angebot zu unterbreiten, wenn jemand anderes ein Offert für die LSE vorlegt. Nach dem Vorstoß der australischen Bank Macquarie hatte die Nasdaq in der vergangenen Woche 950 Pence pro LSE-Aktie in bar geboten.

Erste Gespräche im Dezember unterbrochen

Erste Gespräche zwischen Deutscher Börse und Euronext waren im Dezember abgebrochen worden. Da die Deutschen fast doppelt so groß sind, fürchtet die Vierländerbörse deren Übermacht, auch wenn Francioni zuletzt eine "Fusion unter Partnern" angeboten hatte. Theodore hatte zudem darauf bestanden, dass der Sitz der neuen Börse nicht Frankfurt sein dürfe, was Francioni jedoch anstrebt. Meinungsverschiedenheiten gab es auch über die Handelsplattformen.

An der Pariser Börse legte die Euronext-Aktie am Mittwochmorgen um fast vier Prozent auf 63,35 Euro zu. Der Kurs der Deutschen Börse drehte nach anfänglichem Optimismus ins Minus, konnte aber im Laufe des Vormittags die Verluste wettmachen und notierte gegen 11.30 Uhr bei 114,53 Euro leicht im Plus. (APA)

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