"Ein Vexierspiegel der Sowjetunion"

24. März 2006, 19:54
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Der Satiretrickfilmer Oleg Minich floh vor einer fünfjährigen Haftstrafe aus dem Land - ein STANDARD-Interview

Im Gespräch mit Eduard Steiner erzählt er vom Innenleben der Diktatur.

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STANDARD: Waren Sie verwundert, als Sie erfuhren, dass Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko Sie verfolgt, nachdem Sie ihn karikiert hatten?

Minich: Natürlich. Ich dachte nicht, dass Lukaschenko so gekränkt reagiert und gleich den KGB beizieht. Ich habe in den Kurzfilmen einfach TV-Reden Lukaschenkos genommen und diese dann animierten Figuren, die ihm etwas ähnlich waren, in den Mund gelegt. Das Volk lachte, die Filme wurden populär. Sobald Sie aber Negatives über Lukaschenko äußern, gelten Sie als Staatsfeind.

STANDARD: Bemerkt man also den Grad der Diktatur erst, wenn man mit ihr auf Konfrontation geht?

Minich: Nein. Man spürt sie auch so. Wir haben keine normalen Zeitungen, kein Radio. Im TV gibt es keine normalen Sendungen. Bloß, Repressionen spürst du erst, wenn du dich in die Politik einmischt. Die Staatsanwaltschaft hat mir gesagt, dass in meiner Sache das Kommando von ganz oben ausgeht - und da sind Gesetze außer Kraft gesetzt.

STANDARD: Wie würden Sie das heutige Leben in Weißrussland beschreiben?

Minich: Es ist wohl ein Vexierspiegel der Sowjetunion. Wie man sagt: Wenn sich die Geschichte wiederholt, dann schon in der Art einer Farce. Es ist lächerlich, wenn Lukaschenko überall im Fernsehen auftritt und zum Halbgott gemacht wird.

STANDARD: Wie viele Leute in Weißrussland sind mit Lukaschenko unzufrieden?

Minich: So 60 bis 65 Prozent hätten gerne einen anderen Staatschef. 20 bis 25 Prozent hängen Lukaschenko leidenschaftlich an. Sie sind mit ihrer kargen Pension zufrieden. So wie es in einem Lied heißt: Die Armen beten darum, dass ihre Armut garantiert wird. Aber mit Wahlfälschungen wird Lukaschenko 70 bis 80 Prozent der Stimmen erreichen. Dagegen protestieren werden nur 2000 bis 3000 der Tollkühnsten.

STANDARD: Das Regime wackelt also nicht . . .

Minich: . . . solange es von Moskau subventioniert wird. Europa unternimmt außer Erklärungen konkret ja nichts. Es empfiehlt nur, und Lukaschenko pfeift darauf. Mir scheint, Westeuropa versteht letztendlich überhaupt nicht, was in meinem Land vor sich geht. Die Amerikaner schon eher. Westeuropa tritt zu weich gegenüber Lukaschenko auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.3.2006)

Zur Person
Oleg Minich (42) machte sich in animierten Internetcartoos über Präsident Alexander Lukaschenko lustig und wurde wegen Beleidigung des Staatsoberhaupts zu fünf Jahren Haft verurteilt. Über Moskau und Kiew floh er in den Westen, seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort will er aus Sicherheitsgründen nicht genannt wissen.
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