Die "Krankheiten" der Ida B.

14. März 2006, 19:02
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Der Fall "Dora" brachte Sigmund Freud viel Kritik ein, weil er in seiner Analyse den Sex zu sehr in den Mittelpunkt gerückt habe

Der Fall "Dora" brachte Sigmund Freud viel Kritik ein, weil er in seiner Analyse den Sex zu sehr in den Mittelpunkt gerückt habe. Eine vom STANDARD mitveranstaltete Vorlesungsreihe brachte nun neue Erkenntnisse.

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Wien - Die Geschichte ist vertrackt und eigenartig. "Dora", wie Sigmund Freud die junge Frau in der Fallbeschreibung nennt, ist gerade einmal 18, als sie zu ihm kommt. Oder besser: Zu ihm gebracht wird; augenscheinlich, weil sie an Atemnot, nervösem Husten und noch einigen anderen "Krankheiten" leidet. Doch irgendwie geht es auch um mehr: So will ihr Vater, dass Freud sie "auf besser Wege" bringt, was sich eher nach "Zurichtung" als nach Analyse anhört. "Dora" selbst hingegen will offensichtlich in erster Linie, dass ihr Vater sein außereheliches Verhältnis beendet. Und Freud schließlich will unbedingt, dass "Dora" bleibt, statt nach nur zwei Monaten schon wieder das Weite zu suchen.

Ein gehöriges Durcheinander also, zu dem auch passt, dass Freud den Fall "Dora" umgehend niederschreibt, aber erst fünf Jahre später in seinem "Bruchstück einer Hysterie-Analyse, Gesammelte Werke, Band V" veröffentlicht. Und für den es dann nur "logisch" ist, dass er Freud auch noch herbe Kritik einbringt: Zu sehr habe er hier den Sex in den Mittelpunkt gerückt und das Alter der Patientin vernachlässigt, heißt es bis heute immer wieder; sogar aus dem Lager seiner Anhänger.

Doch langsam. Wer ist überhaupt diese "Dora", die nun im Mittelpunkt des zweiten Blocks der "Sigmund Freud - Vorlesungen 2006" stand, die von der "Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" und dem "Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse" in Zusammenarbeit mit dem STANDARD veranstaltet werden? "Dora" ist niemand anderer als Ida Bauer, die Schwester des legendären österreichischen Politikers Otto Bauer.

"Petite hystérie"

Am 1. November 1882 geboren, wurde Ida Freud 1898 zum ersten Mal vorgestellt; und zwar von ihrem Vater Philipp, den Freud zuvor erfolgreich auf Syphilis behandelt hatte. Zwei Jahre später kam sie dann zu Freud in Behandlung - nachdem, wie die Wiener Psychoanalytikerin Sabine Götz in ihrem Vortrag darstellte, "Doras" Eltern in ihrem Schreibtisch einen "Abschiedsbrief" entdeckt hatten. Zudem litt sie an Stimmlosigkeit, nervösem Husten, Atemnot und zog ihren rechten Fuß nach. Was Freud, so Götz, dazu veranlasste, eine "petite hystérie" zu diagnostizieren.

Allerdings war da noch was anderes - eben die Sache mit dem "besseren Weg". Was folgenden Hintergrund hat: Philipp Bauer war, wie die Medizinerin und Analytikerin Judith Kürmayr mit ihrer Wiedergabe der wichtigsten Passagen aus dem "Bruchstück" illustrierte, ein Verhältnis mit einer gewissen "Frau K." eingegangen. "Dora" revoltierte gegen dieses und forderte von ihrem Vater, alle Beziehungen zur "Familie K." abzubrechen. Auch deshalb, weil "Herr K." ihr u. a. schon vor einiger Zeit nach einer Seefahrt einen "Liebesantrag" gemacht hatte, den sie jedoch zurückwies.

Philipp Bauer dachte allerdings nicht daran, dieser Forderung nachzugeben und schickte Ida stattdessen zu Freud. Laut Sabine Götz war Letzterem klar, dass Ida de facto Teil eines - sexuellen - Tauschgeschäfts zwischen zwei Männern geworden war. Trotzdem begann er, mit ihr zu arbeiten und sich "auf die Suche nach Doras Anteil in der Geschichte zu machen". Was wohl auch damit zu tun hatte, dass er in Ida Bauer einen idealen "Testfall" erblickte: Wenige Jahre zuvor hatte Freud aufgehört, Neurosen ausschließlich als Effekte von Traumatisierungen zu sehen.

Analyse als Verhör

Für deren Entstehung machte er nun speziell auch sexuelle Fantasien mitverantwortlich. Und da bei "Dora", so die Historikerin und Analytikerin Eveline List in ihrem Vortrag, "erotische Konflikte aller Art" zu bestehen schienen, stürzte sich Freud förmlich auf sie: Sie sollte seine Thesen bestätigen und dem neuen Bild der Neurose zum Durchbruch verhelfen. Und so kam es, wie es kommen musste: Freud wurde nach Ansicht Lists blind für die echte "Dora"; die Analyse mutierte quasi zum Verhör, in dem er dem Mädchen "ein Geständnis" abzuringen versuchte. Eines, das vor Sex gleichsam überquoll.

Denn in der Tat hat Freud im Fall "Dora" nach Darstellung von Götz nicht mit sexuellen Interpretationen gespart: Der nervöse Husten wurde u. a. mit Fellatio-Fantasien erklärt, die Ida bezüglich ihres Vaters und "Frau K." hätte; das Schmuckkästchen, um dessen Rettung aus einem brennenden Haus es in einem von Idas Träumen ging, als ihre Vagina gedeutet, die es vor "Hrn. K", aber auch "vor dem Raucher Freud" zu retten gelte, wie Brigitte Grossmann-Garger (Psychoanalytikerin) und Margot Matschiner-Zollner (Individualpsychologin) ausführten.

Letztere beiden haben auch eine Erklärung für das, was Freud in Bezug auf Ida Bauer passierte: Es war zu einer "unbewussten Verstrickung" zwischen den beiden gekommen, insofern, als Ida, die ja auch als Kindermädchen der "Familie K." fungierte, Freuds Emotionen für seine eigene "Kinderfrau" aus Kleinkindtagen geweckt hatte. Ida wurde so zu einem Liebesobjekt, das nicht nur Freuds Thesen bestätigen sollte, sondern noch dazu eine Kränkung vornahm, als sie nach nur zwei Monaten die Analyse abbrach.

Genau diese "Verstrickung" macht "Dora" aber zu einer der ganz wichtigen Krankengeschichten. Weil sie, so Grossmann-Garger und Matschiner-Zollner weiter, das zuvor nur grob angedachte Thema der "Übertragung", also die Tendenz von Patienten, dem Analytiker Emotionen entgegenzubringen, die aus dem Beziehungsgeflecht der realen Welt stammen, in den Mittelpunkt rückte. Und, damit verbunden, auch gleich die "Gegenübertragung" - d. h. das Phänomen, dass der Analytiker auf die Übertragung seinerseits unbewusst zu reagieren beginnt - sichtbar werden ließ.

Das reicht, um dem Fall "Dora" auch heute noch Aufmerksamkeit zu schenken. Denn immerhin sind Übertragung und Gegenübertragung, wie Freud selbst meinte, das "mächtigste Hilfsmittel" des Analytikers. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.3.2006)

Von Christian Eigner
  • Einblicke in Freuds Arbeitsweise anhand des umstrittenen Falles "Dora" – im Bild sein Arbeitszimmer im Londoner Freud- Museum.
    foto: der standard/newald

    Einblicke in Freuds Arbeitsweise anhand des umstrittenen Falles "Dora" – im Bild sein Arbeitszimmer im Londoner Freud- Museum.

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