Hilfspfleger war überfordert

15. März 2006, 17:38
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94-Jährige vernachlässigt: Sozialamt übernimmt jetzt Betreuung

Graz – Es war offenbar schlicht Überforderung: Über den 20- jährigen Präsenzdiener aus Graz, der seine 94-jährige Urgroßmutter pflegen hätte sollen, die gebrechliche Frau jedoch buchstäblich in ihren Exkrementen liegen gelassen und auch sonst vernachlässigt hatte, wurden nun neue Details bekannt.

Die 94-jährige Frau soll jahrelang die Dienste des Grazer Sozialamtes abgelehnt haben. „Wir können niemanden dazu zwingen und es gab auch keinen Anlassfall“, erklärte am Dienstag Andrea Gutmann, stellvertretende Leiterin des Sozialamtes.

Verfahren

Momentan wird die Pensionistin in der Nervenklinik Sigmund Freud betreut. Sie soll aber in den nächsten Tagen entlassen werden. Sie will auch wieder nach Hause zu ihrem Urenkel, gegen den im Moment ein Verfahren wegen Vernachlässigung läuft.

Bereits seit seinem 13. Lebensjahr wohnt der junge Präsenzdiener bei seiner Uroma. „2002 hatte das Sozialamt erstmals Kontakt zu den beiden“, erzählte Gutmann auf Anfrage, „weil eine Nachbarin die Behörden informiert hatte“. Danach sah die zuständige Sozialarbeiterin einmal pro Jahr für einen Hausbesuch vorbei. Die Frau sei zwar betreuungsbedürftig gewesen, war aber immer orientiert und ansprechbar. Alle Angebote, wie etwa einen mobilen Hilfsdienst, eine Pflegehilfe oder den Wohnungsreinigungsdienst, seien von ihr kategorisch abgelehnt worden. Auch der Urenkel soll sich nie kooperationsbereit gezeigt haben.

Zutritt verweigert

Der Fall war vergangenes Wochenende ins Rollen gekommen, als der 20-Jährige der Hausärztin den Zutritt in die Wohnung in der Kernstockgasse verweigert hatte. Erst mit Unterstützung der Polizei gelang es, das Quartier in Augenschein zu nehmen. Laut Exekutive lag die Frau in ihren Exkrementen, die Matratze war vom Urin getränkt. Die 94-Jährige konnte sich nicht erheben und auch nicht strecken. In der Wohnung stank es, es türmte sich der Müll, umgeben von verschmutztem Geschirr und zum Teil verschimmelter Kleidung.

Inzwischen konnte mit dem Grazer Sozialamt eine Übereinkunft getroffen werden. Künftig soll sich der mobile Hilfsdienst einmal am Tag um die 94-Jährige kümmern. Eine komplette Wohnungsreinigung wurde veranlasst. „Für uns ist das Ganze vielleicht nicht nachvollziehbar, aber die Pensionistin fühlt sich in ihren eigenen vier Wänden wohl. Wahrscheinlich, weil sie es einfach so gewohnt ist“, so Gutmann. (APA, DER STANDARD Printausgabe, 15.03.2006)

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