Betrachtungen durch die Free-Jazz-Brille

19. März 2006, 19:53
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Das Atomic-Quintett erstmals in Wien

Wien - Sie fallen aus dem Rahmen dessen, womit Bugge Wesseltofts Jazzland-Labelstall Furore machte: Anstatt den Jazz in Richtung Club-Dancefloor zu verführen, arbeiten sich die fünf Herren von Atomic mittels rein akustischer Instrumente an der Jazzgeschichte ab. Ohne Berührungsängste, ohne jeden Stress, konventionellen Kriterien entsprechen zu müssen, betrachtet das Quintett Traditionen durch die Brille des Free Jazz und entdeckt deren sinnliche Qualitäten neu.

Kein rasend innovativer Ansatz, aber ergiebig: Hardbop-Themen werden da in aller Unschuld angestimmt, um gleich darauf einem Trompeten-Solo gar eine Walking-Bass-Basis unterzuschieben, sich in metrenlose Kammerjazz-Gefilde zu entfernen und dann auch gern das Free-Jazz-Tier hervorbrechen zu lassen. In Stücken wie Geometrical Restlessness, enthalten auch auf der CD-Box The Bikini Tapes, verbinden Atomic die US-Expressivität der 60er-Jahre mit der formalen Stringenz, dem Kontrastreichtum "europäischer" Improvisationsmusik. Und finden so zu eigener Handschrift.

Kein Wunder, setzten die "Atomic"-Mannen, die dafür bekannt sind, Fremdkomponiertes nur von entlegener Stelle, etwa Paul Hindemith oder Radiohead, heranzuziehen, im Porgy & Bess (für die Jeunesse) doch ausschließlich auf Selbstkomponiertes. Paradox erschien dabei, dass der Brückenschlag zur europäischen improvisierten Musik nicht glücken wollte. Um auch abstrakte Sound-Texturen mit Intensität zu erfüllen, dafür erwiesen sie sich punktuell als zu "amerikanisch"-expressiv gepolt. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.03.2006)

Von Andreas Felber
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