"Die Angst ist ein schlechter Arbeitgeber"

15. März 2006, 13:30
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Die brennendsten Fragen der Arbeitsmigration wurden beim STANDARD- Montagsgespräch diskutiert

Je angespannter der Arbeitsmarkt, desto heftiger wird über "Ausländer" diskutiert. Zuwanderung als Chance oder Gefahr, ist die Kernfrage. Betroffen sind alle: vom Asylanten bis zur Spitzenkraft.

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Die Fronten sind klar: Hier die Wirtschaft, die für offene Grenzen und das Ende der Übergangsfristen für Arbeitskräfte aus Osteuropa eintritt, dort die Arbeitnehmerseite, die angesichts der Rekordarbeitslosigkeit zusätzlichen Druck auf Österreichs Arbeitsmarkt strikt ablehnt. Und dazwischen die NGOs, die mit viel Einsatz arbeitsrechtlich legale Kleinstnischen beispielsweise für Asylwerber besetzen.

Die Straßenzeitung Megaphon aus Graz ist so ein Beispiel. Asylanten, häufig Nigerianer, verkaufen das Augustin-ähnliche Blatt, von den zwei Euro Verkaufspreis dürfen sie einen Euro behalten. Megaphon-Chefredakteurin Judith Schwentner sagte beim STANDARD-Montagsgespräch: "Österreich ist das einzige EU-Land, wo die Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen getrennt sind. Dringend wäre die Arbeitsbewilligung in der Zeit des Asylverfahrens."

Denn, so die Erfahrung, ohne eine Arbeitserlaubnis über die Nischen Zeitungskolportage oder Kommunalprojekte hinaus, würden Asylwerber nahezu automatisch in die Illegalität gedrängt. Und dies, obwohl bekannt sei, dass etwa Flüchtlinge aus Tschetschenien zu guter Letzt in 80 bis 90 Prozent der Fälle einen positiven Asylbescheid erhalten. "In der oft langen Wartezeit werden diese Menschen in ihrer Qualifikation aber meilenweit zurückgeworfen."

Migration als Chance

Am anderen Ende der Betroffenenskala arbeitet Werner Lanthaler, Vorstand beim Impfstoffhersteller Intercell. Beschäftigt werden über die Quotenregelung für Schlüsselkräfte hoch qualifizierte Forscher etwa auch aus Polen oder Ungarn. Lanthalers Zugang: "Angst ist ein schlechter Arbeitgeber. Man kann Migration als Chance begreifen."

Die portugiesischen Friseure und spanischen Näherinnen seien nach der EU-Süderweiterung auch nicht nach Österreich gekommen. "Wenn man aber die Besten ins Land holt, kann man neue Industrien aufbauen und nicht nur sagen, das Boot ist voll, sonst wird es immer ein Tretboot bleiben", sagt Lanthaler.

Sepp Schellhorn, Präsident der Hoteliervereinigung, entgegnete, man müsse aber auch die Türen aufmachen für jene 140.000 Menschen, die "nur da sein, aber nicht arbeiten dürfen." Das Problem des "eigentlich boomenden" Tourismus seien die Zumutbarkeitsbestimmungen, die Flexibilität und Mobilität bei den dringend benötigten Arbeitskräften verhinderten. Osteuropäische Saisoniers und ostdeutsche Arbeitskräfte seien insofern eine "Notwendigkeit, ohne die wir die Dienstleistung gar nicht mehr anbieten könnten", sagt Schellhorn.

Arbeiterkammer-Präsident Herbert Tumpel schüttelt dazu den Kopf. Seit dem Jahr 2000 hätte sich die Zahl der Arbeitssuchenden je offener Stelle in Österreich verdoppelt. "Da braucht es eine Politik die Arbeitsplätze schafft, sonst nützt uns die ganze Flexibilität nichts", so Tumpel.

"Erbliches Problem"

Die Portugiesen und Spanier seien nur deshalb nicht nach Österreich gekommen, weil beim EU-Beitritt erfolgreich ausverhandelt worden sei, dass österreichische Kollektivverträge gelten und auch der Gerichtsstand in Österreich sei. Niemand hätte aber 1995 das heutige Erweiterungstempo geahnt und die Lohndifferenzen mit östlichen Nachbarn von eins zu zehn seien naturgemäß ein "erhebliches Problem".

Aus den Erfahrungen mit dem ungarischen Grenzgängerabkommen wisse man außerdem, dass nicht immer und überall, aber sehr häufig "österreichische Spielregeln" von der Arbeitgeberseite nicht eingehalten würden.

Schellhorn verneint: "In der Hotellerie gibt es keine Schwarzarbeit. Hier wird leider nicht differenziert." Im Winter herrsche aber in Westösterreich Vollbeschäftigung und es gebe Bedarf an Köchen oder Kellnern, nicht nur Abwäschern. "Aber wir bekommen niemanden", sagt der Hotelier. "Die Sozialpartnerschaft hat hier gemeinsam mit der Regierung völlig versagt." (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.3.2006)

  • Mit STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl (Mitte) diskutierten Werner Lanthaler, Judith Schwentner, Sepp Schellhorn und Herbert Tumpel (v.l.).
    foto: standard/andy urban

    Mit STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl (Mitte) diskutierten Werner Lanthaler, Judith Schwentner, Sepp Schellhorn und Herbert Tumpel (v.l.).

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