"V for Vendetta": Rächer mit Geschichtsbewusstsein

15. März 2006, 11:39
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Eine weitere von Alan Moores Graphic Novels findet den Weg ins Kino: Hinter dem zitatreichen "V for Vendetta" stehen die maßgeblichen Köpfe der "Matrix"-Trilogie

Wien – Die Vogelgrippe ist ein Nachrichtenthema. In den USA herrscht ein Bürgerkrieg, der auch für den einstigen Verbündeten Großbritannien nicht ohne Folgen bleibt. Die Insel hat sich abgeschottet. Ein totalitäres Regime ist an der Macht. Ein Unbekannter, der seine Taten mit einem "V" markiert, beschäftigt nicht nur die Öffentlichkeit.

V for Vendetta gehört zu jener Art von Sciencefiction, die in ihren Zukunftsentwurf "historische" Versatzstücke einbaut und nicht nur damit eine latente Zeitgenossenschaft kreiert. Interessant ist, was man dabei an Kulturgut entlehnt – etwa Musik von Julie London bis zu Anthony und Cat Power, Eames-Designermobiliar, eine Jukebox aus den Fifties, ein "Anarchy in The UK"-Poster oder gleich eine ganze Kunstsammlung.

Die graue Gegenwart des Films, die diese Versatzstücke beleben, ist im Jahr 2020 in Großbritannien angesiedelt. Nicht nur John Hurt als Kanzler Adam Sutler weckt Assoziationen zu 1984. Die Führungsriege und deren Insignien erinnern an britische Faschisten, ihre Propaganda wird nicht zuletzt durch einen Fernsehprediger verbreitet.

Das Volk halten berüchtigte Geheimpolizisten, so genannte "Fingermen", in Schach. Und ein mysteriöser Maskierter (Hugo Weaving) beruft sich auf den auch hier zu Lande aus dem Englischunterricht noch wohl bekannten historischen Attentäter Guy Fawkes ("Remember, remember, The fifth of November, The gunpowder treason and plot ..."), wenn er sich daran macht, das Regime anzugreifen:

Feuerwerker in Aktion

Zu Tschaikowsky-Klängen fliegt gleich am Anfang Justitia in die Luft. Ähnliches plant der Geschichtsbewusste für das Parlament, das ebenfalls nur noch äußerlich den Anschein demokratischer Ordnung wahrt. Der Mann verfolgt allerdings nicht nur politische Ziele:

"V" agiert als Rächer in undurchsichtiger Mission und in eigener Sache. Vertreter der herrschenden Klasse fallen ihm nach und nach zum Opfer. Die lichte Seite der Revolution verkörpert dagegen Evey (Natalie Portman), Redaktionsassistentin beim Fernsehen, Vollwaise und unfreiwillig ins Visier der Sicherheitskräfte geraten. Nach und nach stellt sich heraus, dass zwischen Vs Vergangenheit, die seinen Rachefeldzug motiviert, und Eveys tragischer Familiengeschichte ein ganz direkter Zusammenhang besteht.

V for Vendetta ist das Regiedebüt von James McTeigue, der zuvor als Regieassistent unter anderem an Dark City, Star Wars: Episode II oder der Matrix-Trilogie mitwirkte – die Brüder Wachowski haben das Drehbuch verfasst, das auf Alan Moores gleichnamiger Graphic Novel basiert, die zuerst als Serie in den Achtzigerjahren erschienen ist.

Im Verbund bürgen diese Namen für eine auch in der visuellen Umsetzung detailreiche fantastische Erzählung mit einigem Unterhaltungswert: So arbeitet etwa der Held geschickt mit seiner Maskierung und schafft es, während einer Verfolgungsjagd im TV- Sendergebäude, in einer Menge gleich Maskierter zu verschwinden.

Kontrollverlust

Umgekehrt droht der Film jedoch auch nicht selten, sich in den ausufernden Verzweigungen der Erzählung zu verlieren: etwa, wenn Eveys Initi^ation zur Komplizin von Vs Machinationen erfolgt und die Heldin dafür erst buchstäblich zum Opfer einer doppelbödigen Inszenierung werden muss. Nicht nur hier erweist sich der Ansatz zur Psychologisierung der (Comic-)‑ Figuren als kontraproduktiv.

Warum, fragt man sich außerdem, kann sich der Film, der schlussendlich auf die Mobilisierung der passiven Massen hinausläuft, nicht mehr als drei abwechselnd einmontierte Gruppen von Fernsehzuschauern leisten, die stellvertretend das gemeine Volk abbilden sollen?

Insgesamt gehört V for Vendetta nichtsdestotrotz zu den erfreulicheren Comicverfilmungen der letzten Jahre. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.03.2006)

Von Isabella Reicher


Ab Freitag (17.3.2006) im Kino
  • Der Kanzler (John Hurt) in den Fängen des Rächers im Guy-Fawkes-Kostüm (Hugo Weaving): "V for Vendetta".
    foto: warner bros.

    Der Kanzler (John Hurt) in den Fängen des Rächers im Guy-Fawkes-Kostüm (Hugo Weaving): "V for Vendetta".

  • Artikelbild
    foto: warner bros.
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