Internationaler Flair für den Gemeindebau

27. Juni 2006, 19:31
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Seit Jahresbeginn können auch Nicht-EU-Bürger eine Gemeindewohnung beantragen. Von einer "Durchmischung" der Wohnbevölkerung ist man aber noch ein Stück entfernt

Seit Jahresbeginn können auch Nicht-EU-Bürger eine Gemeindewohnung beantragen. Spekulationsviertel, hohe Preise und mangelnde Information sind die größten Hindernisse auf dem Weg zum Ziel der Wiener Stadtregierung – eine "Durchmischung" der Wohnbevölkerung.

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Nicht nur durch Mundl Sackbauer galten Gemeindebauten lange Zeit als Biotop des "echten" Wieners. Was aufgrund der Tatsache, dass ein Drittel der Bewohner Migrationshintergrund vorweist, schon heute nicht mehr der Realität entspricht, wird durch die Öffnung der Gemeindebauten für Nicht-EU-Bürger künftig Geschichte sein. Anfang dieses Jahres wurde – im letzten Moment – die bereits 2003 in Kraft getretene EU-Richtlinie zur Gleichstellung von Ausländern in Wien umgesetzt.

Demnach können sich nun auch Ausländer, die nicht aus einem EU-Land kommen, um einen Vormerkschein für eine der rund 220.000 Gemeindewohnung bemühen – vorausgesetzt, sie verfügen über einen entsprechenden Daueraufenthaltstitel und können einen zweijährigen Hauptwohnsitz sowie Bedürftigkeit nachweisen.

Ängste vor einem Ansturm von ausländischen Mitbürgern, wie sie die FPÖ schürt, seien nicht angebracht, meint Wiens Wohnbaustadtrat Werner Faymann (SP). Bis Ende Februar wurden laut Faymann rund 2000 Telefonanfragen, 1000 persönliche Beratungen und etwa 200 Vormerkungen verzeichnet – vorwiegend für Drei- und Vierzimmerwohnungen, für die die Wartezeit zwischen zwei und vier Jahre beträgt. Insgesamt rechnet die Stadt mit der Vergabe von nicht mehr als 1000 Wohnungen an Nicht-EU-Bürger pro Jahr. Die Gesamtzahl der jährlich von "Wiener Wohnen" vergebenen vier Wände liegt bei 9000.

Gegen Gettobildung

Ziel der Wiener Integrationspolitik im Wohnbau sei die "soziale Durchmischung" und nicht Gettobildung, betonen Faymann und Integrationsstadträtin Sonja Wehsely (SP) im STANDARD-Gespräch. Daher würden Neubauwohnungen bewusst Migranten angeboten. Viele Zuwanderer wissen nämlich gar nichts von ihren Möglichkeiten: "Bei der Beratung ist noch einiges drinnen", räumt Faymann ein. Gemeinsam planen beide Stadträte deshalb eine Verstärkung der Info-Kampagnen in Beratungsstellen und muttersprachlichen Medien.

Bekannter sein dürfte hingegen, dass Genossenschaftswohnungen schon längst für Nicht-EU-Bürger zugänglich sind. "Der Anteil an Migranten hat sich in den letzten zehn Jahren von fünf auf 25 Prozent erhöht", berichtet Faymann. "Natürlich gibt es keine Zwangsdurchmischung", fügt Wehsely hinzu. "Die Zeit der Direktive der öffentlichen Hand ist vorbei. Wichtig ist, dass jeder das Gefühl hat, willkommen zu sein." Dass es vermehrt zu Nachbarschaftskonflikten zwischen In- und Ausländern kommt, glaubt Wehsely nicht. Konflikte seien kein Problem der Migration, sondern "haben ihre Ursache oft im sozialen Druck oder sind eine Generationenfrage".

Sanierungsoffensive

Dennoch scheint die angepeilte Durchmischung noch als gut gemeinte Vision: Die knapp 300.000 Zuwanderer ohne österreichischen Pass wohnen nach wie vor in abgewohnten Vierteln vorwiegend entlang des Gürtels. "Das sind eigentlich attraktive und gut erschlossene Gebiete", betont der Stadtrat, "und die Migranten werden nicht in Randgebiete gedrängt." Damit die teilweise desaströse Wohnqualität in jenen Bezirken mit den höchsten Ausländeranteilen verbessert wird, investiere die Stadt jährlich 300 Millionen Euro in den Ankauf und die Sanierung von Spekulationsobjekten.

Problematisch sei, dass sich viele Familien eine entsprechend große Wohnung gar nicht leisten können. Dafür spricht auch, dass die bisherigen ausländischen Gemeindebau-nteressenten Faymann zufolge über "ein Erwerbseinkommen von an die 1800 Euro" verfügen. "Das ist aber ein soziales Problem und trifft genauso Österreicher." Für die Ärmsten stehen so genannte Notfallwohnungen der Gemeinde schon seit den Neunzigerjahren für Ausländer offen. Jährlich werden unter diesem Titel 500 bis 600 Wohnungen vergeben. Doch auch für diese Notwohnungen ist eine zweijährige Aufenthaltsdauer Voraussetzung. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.3.2006)

  • Der Gemeindebau galt lange Zeit als Biotop des "echten" Wieners. Die lang diskutierte Öffnung brachte bisher nicht den befürchteten Ansturm ausländischer Interessenten.
    foto: standard/newald

    Der Gemeindebau galt lange Zeit als Biotop des "echten" Wieners. Die lang diskutierte Öffnung brachte bisher nicht den befürchteten Ansturm ausländischer Interessenten.

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