Wohnen mit Vorzeigeeffekt

27. Juni 2006, 19:31
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Seit mehr als zehn Jahren werden in Wien gemeinnützige Wohnbauprojekte umgesetzt, die Zuwanderern die Integration erleichtern sollen

Seit mehr als zehn Jahren werden in Wien gemeinnützige Wohnbauprojekte umgesetzt, die Zuwanderern die Integration erleichtern sollen. Ein harmonisches Miteinander von Einheimischen und Zuwanderern soll beiderseitig bestehende Ängste abbauen.

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Integrationspolitik muss Teil der Wohnpolitik sein – das ist der Ansatz, den die Stadt Wien und gemeinnützige Genossenschaften seit Mitte der Neunzigerjahre verfolgen. Seither wurden zahlreiche Wohnprojekte realisiert, in denen sich Österreicher und Zuwanderer gemeinsam ein Dach teilen. Der Wohnbereich wurde als idealer Ort zu Verständnis fördernder Begegnung erkannt, Spannungen sollten durch die sozialen Kontakte abgebaut werden.

Susanne Reppé vom gemeinnützigen Bauträger Gewog-Neue Heimat erklärt: "Es gibt in Wien den Sager: Alle Ausländer sind Gfrasta, außer der Mirko, den kenne ich von der Arbeit. Die Überprüfbarkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen findet immer in kleinteiligen Systemen statt." Wohnen gehöre neben der Arbeit zu den kleinteiligsten Systemen. Hier finde ein erster Kontakt, ein Kennenlernen statt, ist sie überzeugt.

Erste Erfolge

Ein Vorreiter dieser Integrationspolitik war das 1996 fertig gestellte Gewog-Projekt "Interkulturelles Wohnen" am Satzingerweg im 21. Wiener Gemeindebezirk. Das Pilotprojekt setzte erste Maßstäbe im integrativen Wohnbau – gegen den heftigen Widerstand der FPÖ. 51 geförderte Wohnungen wurden bereitgestellt, ein Großteil für im Ausland gebürtige Personen: Ungarn, Filipinos, Bosnier, Polen, Türken, Russen, Portugiesen, Iraner.

Bauliche Maßnahmen wie Gemeinschaftsräume, Waschsalons und Spielplätze sollten das Miteinander erleichtern. Das Projekt war ein Erfolg, es gibt nur wenig Fluktuation bei den Mietern. Wegen der positiven Erfahrungen der Mieter habe es zahlreiche Nachahmer gefunden, allerdings sei das Projekt in Wien-Floridsdorf nicht mehr ganz "State of the Art", sagt Reppé.

Bei den Projekten "Come Together" in der Zwölfergasse (15. Bezirk) und B.U.N.T. in der Paulasgasse (11. Bezirk, Fertigstellung Ende 2007) sei man einen Schritt weiter gegangen. "Bei unseren neuen Projekten sind wir eine enge Kooperation mit der Caritas eingegangen. Insofern kooperieren jetzt zwei Profis – die Gewog als Bauträger und die Caritas/Fachstelle Wohnen als soziale Einrichtung." Auf diese Weise wolle man die Zusammenarbeit im Bereich Integration optimieren.

Günstige Mietpreise

Beim Projekt in der Zwölfergasse wurde versucht, die Leistbarkeit der 16 Wohnungen sicherzustellen und die Mietpreise durch Selbstbau niedrig zu halten. Dadurch, dass viele Mieter ihre Wände selbst gestrichen, ihre Böden selbst verlegt haben, konnte sie ihre Eigenmittel reduzieren. Ein weiterer Vorteil: Die zukünftigen Mieter lernten sich schnell kennen. "Sie haben sich gegenseitig die Schraubenzieher geliehen. Dadurch ist auch schnell eine Hausgemeinschaft entstanden", sagt Reppé.

Das Projekt B.U.N.T. zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Art Mastergrundriss gibt, den man einfach an den jeweiligen Lebens- und Wohnungszyklus der Bewohner angleichen kann. Auf diese Weise können die Wohnungen verändert werden. Zudem wird es in der Paulasgasse ein Besucherappartement geben. Gerade Mieter, die aus anderen Ländern kommen, haben oft Besuch von ihren Familien. Diese Gäste können dann einfach beherbergt werden.

Aufwertung

Eine Zeit lang wurden solche Projekte auf die grüne Wiese gesetzt. Mittlerweile werden integrative Wohnprojekte auch in dicht bebautem Gebiet umgesetzt. Das sei ein großer Vorteil, sagt Gewog-Geschäftsführer Karl Wurm. Baue man in Gebieten, die von schlechten Wohnungen und einem hohen Ausländeranteil geprägt sind, werden sie aufgewertet. Aufgrund der sanierten Wohnungen und Neubauten ergebe sich ein unterschiedliches Angebot, eine bessere Durchmischung sei dadurch gewährleistet. "Ein Beispiel: Viele junge Leute zieht es zurzeit zum Brunnenmarkt. Das ist ein Gebiet im 17. Wiener Gemeindebezirk, das von einem hohen Ausländeranteil geprägt ist. Die jungen Menschen werden dazu beitragen, dass dort eine positive Integration voranschreiten wird", sagt Wurm.

Für die Zuwanderer bedeuten die Wohnungen in den Integrationsprojekten eine soziale Aufwertung. Die ge^sellschaftliche Eingliederung in eine mehr oder weniger durchschnittliche Wiener Wohnumgebung gilt als Bestätigung, den richtigen Weg gewählt zu haben.

Elisabeth Stocker von der Caritas ist vom Vorzeigeeffekt solcher Projekte überzeugt: "Wir wollen gesellschaftlichen Schichten, die unserem Konzept positiv gegenüberstehen, solche Projekte anbieten. Auch der Rest wird dann hoffentlich irgendwann mitziehen. Das ist eine Frage des Bewusstseins." (Jürgen Müllner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.3.2006)

  • Im Projekt "Come Together" in der Zwölfergasse in Wien 15 lernten sich die Bewohner beim Ausmalen und Bodenverlegen kennen - und feiern nun gemeinsam Hoffeste.
    foto: gewog

    Im Projekt "Come Together" in der Zwölfergasse in Wien 15 lernten sich die Bewohner beim Ausmalen und Bodenverlegen kennen - und feiern nun gemeinsam Hoffeste.

  • Das Integrationsprojekt B.U.N.T. in Wien-Simmering zeichnet sich durch besonders flexible Grundrisse aus, die nach den Wünschen der Bewohner verändert werden können.
    foto: gewog

    Das Integrationsprojekt B.U.N.T. in Wien-Simmering zeichnet sich durch besonders flexible Grundrisse aus, die nach den Wünschen der Bewohner verändert werden können.

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