"In Österreich ist Integration erst seit 2000 verwendungsfähig"

27. Juni 2006, 19:31
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Caritas-Präsident Franz Küberl über Fremdenangst und Politik

"Integration ist ein sehr junges Konzept der Menschheitsgeschichte", erklärte Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich, in seinem Einführungsvortrag auf dem Wohnsymposium. "Bis 1945 war Unterwerfung, Eroberung, Vertreibung und bestenfalls Duldung die Konzeption, mit der Menschen miteinander umgegangen sind, wenn sie aufeinander gestoßen sind."

Doch der "große Lernprozess" habe in Österreich noch etwas länger gedauert als anderswo, beklagt der gebürtige Grazer. "In Österreich ist Integration erst seit dem Jahr 2000 verwendungsfähig, damals stand es in der Regierungserklärung. Haben unsereins bis dahin von Integration gesprochen, dann wurden wir händeringend von Ministern gebeten, diesen Begriff nicht zu verwenden, denn Österreich sei kein Integrationsland."

Und während in Wien bereits vieles in Gang gekommen sei, vor allem in der Wohnpolitik, "gibt es österreichische Städte, wo auch neue Staatsbürger als Ausländer gelten, die keinen Wohnraum bekommen sollen". Vor allem in kleinen Orten, wo die Menschen mit Ausländern wenig in Berührung kommen, sei das Thema von Ängsten geprägt, berichtet Küberl über Gespräche in seiner steirischen Heimat.

Steirer in Vorarlberg

Das Erlernen fremder Kulturen sei ein vielschichtiger Vorgang, den man nicht erzwingen könne. Er habe das am eigenen Leib erlebt, als er 1973 als junger Betriebsseelsorger nach Vorarlberg gekommen sei. "Ich war erstaunt, wie ich als Steirer damals als Gastarbeiter gesehen wurde, wie erstaunlich fremd ich wahrgenommen wurde."

Heute trage die wachsende Unsicherheit über die eigene Identität und den Glauben zur Angst vor dem Fremden bei. "Die Angst vor Muslimen hängt auch damit zusammen, dass man sich selber seiner Sache so unsicher ist." Küberl fasziniert dabei besonders, "wie eine deutschnationale und strikt antiklerikale Partei durch die Angst vor Muslimen österreichisch-patriotisch und katholisch wurde".

Auch Sozialpolitik sei bei der Integration entscheidend. "Ein Kardinalfehler ist, dass man kein Gespür für jene Leute hat, die arm sind und sich an die Wand gedrückt fühlen." Man müsse daher nicht nur Zuwanderern, sondern auch den Schwächsten unter den Einheimischen helfen. "Wenn Einheimische und Zuwanderer zusammenkommen sollen, dann brauchen sie Brücken – in der Infrastruktur des Wohnens, aber auch durch die menschliche Seite."

Außerdem dürfe Integrationspolitik nicht erst nach der Ankunft beginnen; man sollte in die Ursprungsländer gehen und potenzielle Zuwanderer über Rechte, Pflichten und Herausforderungen aufklären. Für Küberl ist "Integration erst dann gelungen, wenn aus den Zuwanderern genauso viele Maturanten, Millionäre oder Olympiasieger herauskommen. Die Menschen sollen nicht nur vor dem Herrgott gleich sein, sondern auch vor den Menschen." (ef, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.3.2006)

  • Der Grazer Katholik Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich, ortet eine ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit vor allem außerhalb der Großstadt Wien.
    foto: standard/andy urban

    Der Grazer Katholik Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich, ortet eine ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit vor allem außerhalb der Großstadt Wien.

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