"Wohnpolitik ist eine kleine Schraube"

27. Juni 2006, 19:31
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Migrations- und Wohnexperten stellen der österreichischen Integrationspolitik ein gemischtes Zeugnis aus. Versäumnisse auf dem Arbeitsmarkt schaffen Probleme auch beim Wohnen

Echte Ausländergettos wie in den französischen Vororten, amerikanischen Großstädten oder auch in Berlin-Kreuzberg gibt es in Österreich keine. Aber dennoch sei die Lage in den Städten, wo der Großteil der Zuwanderer lebt, weitaus schwieriger als viele glauben, zeigten sich Experten beim Wohnsymposium überzeugt. "Wenn man sich in Simmering umhört, dann ist das weit entfernt von den Verlautbarungen der Politik, wonach Wien die höchste Lebensqualität hat", sagte der Stadtsoziologe Jens Dangschat von der TU Wien.

Anders als in den USA, wo man von der Vorstellung des Schmelztiegels längst abgekommen ist, gelte in Europa eine ethnische Durchmischung immer noch als das Ziel, erläuterte Dangschat. Grundlage dafür sei die "Kontakthypothese: Wenn sich Menschen begegnen und Kontakt miteinander haben, dann werden Vorurteile abgebaut. Doch dies funktioniert nur in gut gebildeten, selbstbewussten Gruppen. Bei jene, die Angst um ihren Arbeitsplatz haben, kehrt sich das ins Gegenteil um und führt zu noch mehr Ängsten. Es gibt keine empirischen Untersuchungen, die belegen, dass durchmischte Wohnquartiere die Integration erleichtern. Eher das Gegenteil ist der Fall." Besonders ungerecht sei der Umstand, dass "die Integrationsarbeit von denen geleistet wird, für die es am schwierigsten ist: von den Armen und den Alten."

Dangschat ist daher äußerst pessimistisch über die von der EU erzwungene Öffnung der Wiener Gemeindewohnungen. Er erwartet eine soziale Zuspitzung in jenen Siedlungen der 60er- und 70er-Jahre, wo Inländer mit niedrigem Einkommen auf Zuwanderer stoßen werden. Diese Probleme müssten frühzeitig durch ein aktives Quartiermanagement angepackt werden. "Doch bisher haben wir den Kopf in den Sand gesteckt."

Gründerzeit-Gettos

Für den Demografen Rainer Münz sind diese Konflikte bereits in den privaten Gründerzeit-Zinshäusern rund um den Gürtel sichtbar, wo Ausländer bisher hingedrängt wurden, weil die billigen Gemeindewohnungen ihnen nicht offen standen.

Die Wohnpolitik habe diese Art der Gettobildung gefördert, weil sie es Einheimischen leicht gemacht hat, wegzuziehen. Aber auch für Zuwanderer, die meist in der Nähe von Verwandten und Bekannten leben wollen, brächte diese Konzentration soziale und wirtschaftliche Vorteile.

Münz fordert daher von der Wohnpolitik, dass sie zukünftige soziale Brennpunkte rechtzeitig entschärft, schränkt aber sofort ein: "Die Wohnpolitik ist nur eine kleine Schraube, an der man drehen kann. Die eigentlichen Ursachen missglückter Integration können durch intelligente Wohnpolitik nicht beseitigt werden."

Er sieht das Hauptproblem am Arbeitsmarkt, wo Ausländer immer noch in vielen Bereichen ausgeschlossen sind. Das gilt nicht nur für den halbstaatlichen Sektor wie Bahn und Post, sondern auch für private Konzerne. "Auch bei der Erste Bank, für die ich arbeite, ist die Zahl der Mitarbeiter mit Integrationshintergrund klein", zeigte sich Münz selbstkritisch.

Dennoch würden viele Einheimische Ausländer als harte Konkurrenz fürchten, "weil sie billiger anbieten und die Ärmel hochkrempeln", sagte Münz. Dies bestätigte auch der deutsche Wohnforscher Joachim Brech aus seiner Arbeit über die Integrationssiedlung "Globalen Hof" in Wien-Liesing. "Die Zuwanderer orientieren sich mehr nach oben als die sozial schwachen Einheimischen. Ihr Aufstiegswunsch ist deutlich höher."

Gerade der "Globale Hof" ist für Brech ein Beispiel, wie Brücken zwischen verschiedenen Lebensformen geschaffen werden können. "Alle Zuwanderer tragen Bilder aus ihrer Heimat mit sich herum. Sie wollen sich zu gewissen Tageszeiten treffen, sie wollen ihre Feste und Rituale feiern. Es ist nicht so schwer, Bereiche zu finden, wo die Menschen ihre Gewohnheiten weiterleben können." Dies sei etwa der Dachgarten, oder die Waschküche gleich neben dem Kindergarten.

Die Politik aber müsse sich entscheiden, ob sie Zuwanderer als Gastarbeiter sieht oder als Einwanderer, sagte Münz. "Alle träumen vom Eigenheim, und viele investieren ihre Energie in das Haus, das sie in ihrem Heimatdorf bauen, weil sie von der Rückkehr fantasieren. Aber wenn sie hier bleiben, dann sollte diese Energie in den Wohnraum in Österreich fließen." Eine solche private Initiative würde die Wohnsituation vieler Zuwanderer und damit ihre soziale Lage verbessern. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.3.2006)

  • Der Stadtsoziologe Jens Dangschat,...
    foto: standard/andy urban

    Der Stadtsoziologe Jens Dangschat,...

  • ...der Migrations-Experte Rainer Münz...
    foto: standard/andy urban

    ...der Migrations-Experte Rainer Münz...

  • ...und der Wohnforscher Joachim Brech setzen ihre Hoffnungen auf ein aktives Quartiermanagement, wie es in Wien mancherorts schon betrieben wird.
    foto: standard/andy urban

    ...und der Wohnforscher Joachim Brech setzen ihre Hoffnungen auf ein aktives Quartiermanagement, wie es in Wien mancherorts schon betrieben wird.

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