Wien ist nicht Paris geworden

27. Juni 2006, 19:31
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Die Integration von Zuwanderern funktio­niert in Wien nicht reibungslos, aber besser als anderswo. Mit Rezepten und Problemen beschäftigte sich ein STANDARD-Symposium

Tausend Kilometer beträgt die Distanz zwischen Clichy-sous-Bois und Wien Liesing, doch wenn es um das Alltagsleben geht, dann könnten ganze Kontinente zwischen den beiden Orten liegen. Die Pariser Vorstadt, geprägt von Arbeitslosigkeit und desolaten Wohnblöcken, war im vergangenen Herbst Ausgangspunkt für wochenlange Krawalle von Kindern nordafrikanischer Einwanderer. In Liesing leben in der interethnischen Mustersiedlung Globaler Hof gleich neben dem Wohnpark Alt-Erlaa 300 Menschen aus 18 Nationen harmonisch – und versorgt mit guten Gemeinschaftseinrichtungen – unter einem Dach.

Auch in Floridsdorf, Simmering und Ottakring sind in den vergangenen Jahren Wohnanlagen entstanden, die das Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern fördern sollen – und weitere Projekte werden gebaut. Während um die Öffnung der Gemeindebauten noch gerungen wird – die Stadt Wien setzt die seit Jänner EU-weit vorgeschriebene Zugänglichkeit von Sozialwohnungen für gewisse Drittstaatsangehörige nur zögerlich um –, haben sich die gemeinnützigen Bauträger die Integration auf ihre Fahnen geheftet. Tausende Ausländer oder Neu-Österreicher profitieren vom geförderten Wohnbau, oft als Nachmieter in älteren Anlagen. "Das multiethnische Zusammenleben ist unser tägliches Geschäft", sagt Herbert Ludl, dessen Sozialbau den Globalen Hof betreibt.

Doch auch in Wien gibt es Spannungen zwischen Einheimischen und Zuwanderern – am Arbeitsmarkt, wo die Industriejobs rar werden, in den Schulen, wo immer mehr Kinder mit nicht deutscher Muttersprache sitzen, und in den Wohnsiedlungen. 18 Prozent der Wiener haben einen ausländischen Pass, doppelt so viele wie im Bundesgebiet. Dazu kommen eingebürgerte Zuwanderer und deren Kinder. Während die französischen Krawalle die Wiener SPÖ darin bestärkten, dass sie auf dem richtigen Weg ist, machte der FPÖ-Wahlerfolg bei den letzten Gemeinderatswahlen deutlich, dass erfolgreiche Integration täglich neu erarbeitet werden muss.

Unter dem Titel "Multikulti oder Getto" widmete sich am vergangenen Donnerstag das 24. STANDARD-Wohnsymposium, das gemeinsam mit der Erste Bank, dem Wohnservice Wien, dem Bauträger WVG und der Fachzeitschrift Wohnen Plus veranstaltet wurde, den Schlüsselfragen des interethnischen Zusammenlebens in der Großstadt.

Angst vor dem Abstieg

Während die Vertreter der Gemeinnützigen und der Stadtpolitik die Erfolge des Wiener Weges hervorstrichen, wiesen die vortragenden Experten auf die alten und neuen Probleme beim Zusammenleben hin. Gerade unter den sozial Schwachen, die weitaus öfter mit Ausländern zu tun haben, als der geborgene Mittelstand, herrschten Ängste und Vorurteile vor, warnten Caritas-Präsident Franz Küberl und der Stadtsoziologe Jens Dangschat. Und der Demograf Rainer Münz verwies auf den wachsenden Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt, wo sich einheimische Globalisierungsverlierer und ausländische Aufsteiger gegenüberstehen. "Das Problem sind nicht die Ausländer, sondern die Angst vor dem sozialen Abstieg", analysierte Susanne Reppé, die Leiterin des Integrationswohnbaus bei der Gewog.

Derzeit sind die Brennpunkte noch in den alten Zinshäusern am Äußeren Gürtel, vor allem in Rudolfsheim-Fünfhaus und Ottakring. Während Österreicher dank des aktiven Wohnbaus von dort ausziehen konnten, rückten Ausländer nach, erläutete Münz. Damit ersparte sich Wien zumindest die Gettos am Stadtrand.

Doch die Öffnung der Gemeindebauten für Ausländer – Eingebürgerte wohnen dort schon lange – werde neue Konfliktzonen schaffen, für die Wien nicht vorbereitet sei, warnte Dangschat. "Wir haben zu lange den Kopf in den Sand gesteckt."

Für den SP-Gemeinderat Kurt Stürzenbecher ist die Wiener Integrationspolitik dennoch ein voller Erfolg – vor allem wegen der Wohnbauförderung, die eine gezielte und sozial motivierte Wohnbaupolitik ermögliche. Die "soziale Durchmischung" schaffe ein "positives Wohngefühl".

Pessimistischer ist Grünen-Chefin Maria Vassilakou. Sie betrachtet die Wiener Wohnpolitik als Förderung für den einheimischen Mittelstand, die zu wenig für die sozial Schwachen tut. Und sie befürchtet, dass die schlechte Schulbildung für viele Migrantenkinder den Keim für soziale Probleme in sich trägt.

Was tun? Auf den neun Tischen wurden Vorschläge für die Wohnpolitik ausgearbeitet, über die dann im Saal abgestimmt wurde. "Leistbarer Zugang mit sozialem Em^powerment" lautete der Sieger: günstige Mieten und aktive Hilfe für Bewohner, damit sie ihre Wohnprobleme gemeinsam meistern lernen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.3.2006)

  • Die Unruhen in Pariser Vorstädten vom Herbst vergangenen Jahres sind noch in bester Erinnerung.
    foto: epa/le bloch

    Die Unruhen in Pariser Vorstädten vom Herbst vergangenen Jahres sind noch in bester Erinnerung.

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