Arbeiten von 9.00 bis 23.00 Uhr, sieben Tage in der Woche

13. März 2006, 19:35
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Mehr als 10.000 Deutsche, in der Regel aus Ostdeutschland, haben bereits im Tiroler Fremdenverkehr Arbeit gefunden

St. Anton/Zams - Schon den vierten Winter spielt sich das Leben von Daniel Drawer zwischen "Rodelalm" und "Rodelstall" ab. Dazwischen liegt eine vier Kilometer lange Naturrodelbahn. Sein Job besteht aus kellnern, helfen in der Küche, kleinen Reparaturen, Schneeschaufeln, Rodelbahn präparieren. Robert Alber ist der Chef und er nennt Daniel Drawer großzügig "meine rechte Hand".

Daniel Drawer (32) kommt aus Malchin, südlich von Rostock. Zwischen Malchin und St. Anton gibt es wenig Gemeinsamkeiten, einmal abgesehen von Ähnlichkeiten in der Sprache. An den oft meterhohen Schnee, die Berge, hat sich Daniel einigermaßen gewöhnt. Skifahren ist trotzdem kein Thema.

Nicht zuletzt wegen Arbeitszeiten von 9.00 bis 23.00 Uhr, sieben Tage die Woche. Erst gegen Saisonende gibt es den einen oder anderen freien Tag. Daniel ist zufrieden, "es passt so". Er hat Arbeit. Sein Chef hat ihn sogar schon für einen der kurzen St. Antoner Bergsommer engagiert. Nicht im letzten, denn "da war hier nicht so viel, da war ja das Hochwasser".

Im Monat bekommt er 1300 Euro netto bei freier Kost und Logis, dazu Ende April noch einmal an die 2000 Euro als eine Art Überstundenpauschale: "Das ist mehr als zu Hause" in Mecklenburg-Vorpommern.

Daniel Drawer ist gelernter Maurer. Die Baufirma, bei der er gearbeitet hat ging pleite. Nach einem Jahr ohne Job erfuhr er von den organisierten Transfers in Buskonvois nach Tirol. Nach dieser Saison möchte er wieder zu Hause etwas finden, möglichst auf dem Bau. Arbeiten von Montag bis Freitag und dann frei haben!

Nichts an ihrem Saisonpendlerinnenleben ändern möchte Doris Hoffmann. Die 50-Jährige kommt aus Neustrelitz, 120 Kilometer nördlich von Berlin. Sie hat lange in einer LPG Broiler gezüchtet. Dann wurde die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft aufgelöst, die Hähnchen kamen von anderswo.

Doris Hoffmann kam ein Jahr in eine ABM-Maßnahme, jobbte, fand etwas als Kellnerin in Neustrelitz für den Sommer und schließlich vor drei Jahren für den Winter im Viersternehotel "Jägerhof" in Zams bei Landeck. Die Kollegen seien alle sehr nett und das Verhältnis zu Chef und Chefin charakterisiert sie so: "Die haben am ersten Tag gesagt, wir sind die Birgit und der Willi." Inzwischen kellnert sie auch im Sommer im "Jägerhof". "Im Herbst war ich eineinhalb Monate zu Hause." Gewisse Probleme bereitet die Sprache. Weniger das Tirolerische, aber beim Zwiebelrostbraten muss sie noch überlegen, was das eigentlich ist.

Stolz erzählt sie von geregelten Arbeitszeiten, einem freien Tag in der Woche und der kleinen Wohnung ein paar Minuten vom Hotel entfernt. Wie viel sie verdient, will sie lieber nicht sagen. "Mehr als zu Hause jedenfalls." Ob sie sich vorstellen kann, ganz nach Tirol zu ziehen? Hoffmann verneint. So wie es ist, passt es. Ihr Sohn lebt schon lange mit seiner Freundin zusammen und "ich lebe seit 100 Jahren allein", sagt sie. "Das wichtigste ist doch, dass wir die gute Laune behalten." (Hannes Schlosser, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2006)


WISSEN: "Ausländer" aus der EU

Staatsangehörige aus der EU-15 sowie Zypern und Malta genießen die EU-Niederlassungsfreiheit und haben freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Sie brauchen weder einen Aufenthaltstitel noch eine besondere Beschäftigungsbewilligung. Sie können Arbeit aufnehmen wie österreichische Staatsbürger.

Staatsangehörige aus der EU-8, das sind die Erweiterungsländer ohne Zypern und Malta, unterliegen den Übergangsfristen. Für sie gilt das Ausländerbeschäftigungsgesetz, nicht aber die Fremdengesetze, weil auch ihnen die EU-Niederlassungsfreiheit zukommt. Vorteil: Sie bekommen auch Beschäftigungsbewilligungen - etwa im Pflegebereich - für Jobs, die keine Schlüsselqualifikation erfordern und nicht auf Saisonarbeit beschränkt sind. (miba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2006)

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    Ostdeutsche sind die neuen Gastarbeiter, aber auch die Zahl der Osteuropäer steigt und steigt.

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