Auffangnetz für Missbrauchsopfer

13. März 2006, 19:25
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Um Kinder in Missbrauchsverfahren zu unterstützen, setzt man in Niederösterreich zur multiprofessionellen Prozessbegleitung an

Im Grunde gehe es um die Glaubwürdigkeit junger Missbrauchsopfer, erläutert die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. Um die Frage, wie man die Betroffenen befähigen könne, über die ihnen angetanen, oft jahrelangen sexuellen Übergriffe zu sprechen. Und zwar so, dass ihre Worte – der "Unglaublichkeit" des Vorgebrachten zum Trotz – bei den ZuhörerInnen als wahr ankämen: "Nicht ein-, sondern gleich mehrmals; erst vor dem Lehrer, dann vor den Jugendbeamten, dann vor der Polizei, dann vor dem Gutachter, dann vor Gericht."

Nur "multiprofessionelle Prozessbegleitung" – so Pinterits – könne diese Ansprüche erfüllen. Prozessbegleitung in Zusammenarbeit von Anti- Missbrauchsprojekten, KinderanwältInnen, VerteidigerInnen und der RichterInnenschaft, wie es sie zum Beispiel in der Bundeshauptstadt schon seit mehreren Jahren gebe. Und in den meisten anderen Bundesländern – sowie seit Montag auch in Niederösterreich.

Startschuss

Dort gab die zuständige Landesrätin Petra Bohuslav (VP) vor Fachpublikum und der Presse in St.Pölten den Startschuss für ein "Netzwerk-Projekt, das zur besseren Zusammenarbeit von Kinderschutz- Einrichtungen und von Gerichten beitragen" soll. Zwei Jahre lang, mit einer Expertentagung zur Halbzeit, werde das Land je 300.000 Euro aufbringen. Mit dem Ziel, das Zusammenwirken der verschiedenen, mit Missbrauchsprozessen beschäftigten Berufe und der beiden großen Opferhilfsprojekte im Land – "die möwe" und das Kinderfreunde nahe "kidsnest" – zu fördern.

Damit sei in Niederösterreich auch in Sachen Prozessbegleitung der flächendeckende Schulterschluss zwischen Schwarz und Rot gelungen, munkelt man im Land. Bis dato nämlich habe es funktionierende Zusammenarbeit bei der Unterstützung von Missbrauchsopfern "zwar lokal und auf ExpertInnenebene, nicht aber landesweit und politisch abgesegnet" gegeben. Doch derlei Betrachtungen kümmerten Bohuslav am Montag nicht: Schließlich handle es sich beim Thema Kindesmissbrauch um einen "der größten Tabubereiche unserer Gesellschaft, über den nicht gerne gesprochen wird", betonte sie.

Mehr Urteile

Hier ist die Landespolitikerin einer Meinung mit Pinterits. Diese führt die steigende Zahl einschlägiger Verurteilungen – im Jahr 2004 etwa 192 – auf die zunehmende Enttabuisierung des Themas zurück. Und sie plädiert dafür, auch weiterhin "jeden Missbrauchsverdacht ernst zu nehmen", trotz spektakulärer Fälle von "Missbrauch des Missbrauchs" – wie in Frankreich, wo sich eine Reihe von Urteilen wegen Pädophilie kürzlich als falsch herausstellten. (bri, DER STANDARD-Printausgabe, 14.03.2006)

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