Diskursdämonen und tanzende Wirtskörper

13. März 2006, 19:07
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Frauenkunstfestival in Wien: Hervorstechend bisher Pálina Jónsdóttir, Marcela Levi und Patrícia Portela

Wien – Beinahe auf den Monat genau vor zehn Jahren, im Februar 1996, präsentierte die Vorgängerin des aktuellen Frauenkunstfestivals "her position in transition" ihre erste Ausgabe: das vom dietheater im Konzerthauskeller veranstaltete und von Anna Thier kuratierte "sietheaterfestival Pandora".

Das Format hielt sich über fünf Jahre hin bis 2000. Als das Kosmostheater (damals noch: der Kosmos Frauenraum) aufsperrte, erschlaffte das dietheaterliche Engagement für Frauenkunst jedoch sofort.

Dabei hätte man vielleicht auch gut zusammenarbeiten können, schließlich gleichen die Farben der Programmhefte von "Pandora" und "her position in transition" einander aufs Haar...

Das aktuelle Festival allerdings bespielt nicht nur einen Ort, sondern kooperiert vorbildlich mit zwanzig Räumen im Wiener Gemeindebezirk Neubau. Und es lockt mit mehr Performances sowie einer durchgehenden Diskursschiene.

Als im Programmangebot hervorstechende Arbeiten erwiesen sich bisher das Solo "Her Secret Face" der Isländerin Pálina Jónsdóttir, das Doppelprogramm Imagem und Massa de Sentidos der Choreografin Marcela Levi aus Brasilien sowie die geniale Produktion Wasteband der Portugiesin Patrícia Portela. Jónsdóttir tritt als trashige Corpse bride (Foto) auf, die – erfolglos – ein Auge auf einen verheirateten Mann und ein anderes auf die Weltpresse geworfen hat.

Die Wiedergängerin fantasiert sich "six feet under", dient als Wirtskörper für allerlei Diskursdämonen und vertreibt sich den Akt des Wartens auf Erlösung mit zahlreichen Spielchen und einem etwas zu geschwätzigen Monolog. Letztlich sind so viele Geheimnisse bloßgelegt, dass sich das Antlitz der Figur buchstäblich entleert.

Noch gelungener als dieser furiose Identitätstrip ist daher doch Patrícia Portelas Reiseprogramm ins All der Allegorien, WasteBand. Erfundene Wissenschaft, verzerrte Zeichen und getürkte Geschichten beweisen in dieser Performance die reale Existenz eines Paralleluniversums der Erzählungen, durch das die Künstlerin das Publikum, das mit ihr um einen großen Konferenztisch sitzt, in einer meisterhaft berechneten Flugbahn mitnimmt.

Sie projiziert Traumtänzer in der Schwerelosigkeit, Reste von Erinnerungen an die Realität und die sich auflösende Liebesgeschichte von Tânia und José. "Wir leben in einem enormen Roman", sagt Portela, die poetische Reiseleiterin und blendende Rhetorikerin, in dem gar nichts erfunden werden müsse: Denn alle Einbildungen sind schon da. Dazu gehört auch der Körper, auf dem Marcela Levi eine intime Knetmasse und Kleiderhäute manipuliert.

Ihre zwei konzisen Soli gewinnen ihre Stärke aus einer kontemplativen Souveränität gegenüber und in der Bildzeichensprache um die weibliche Nacktheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.03.2006)

Von Helmut Ploebst


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Her Position in Transition
Bis 18. März

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    foto: festival
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