Ein Infarkt und viele Theorien

17. März 2006, 10:21

Ärzte: Milosevic nahm "falsche" Medikamente

Wien/Den Haag - Kurz nachdem die Todesursache "Herzinfarkt" bekannt wurde, kursierten bereits die verschiedensten Theorien. Erstens gibt es den Vorwurf, der von Milosevic selbst erhoben wurde, er sei mit falschen Medikamenten behandelt worden.

Zweitens sagte der niederländische Toxikologe Ronald Uges am Montag, Milosevic hätte eigenmächtig das Medikament Rifampicin eingenommen, das die Wirkung der Mittel gegen Bluthochdruck aufhob. Dies soll eine Analyse einer Blutprobe im Jänner ergeben haben. Das UN-Tribunal soll Uges Ende vergangenen Jahres eingeschaltet haben, um herauszufinden, warum sich der Zustand des Angeklagten nicht verbesserte.

Drittens, so meinte der Chef der Moskauer Herz-Kreislauf-Klinik Bakulew, Leo Bokeria, könnte Milosevic seine Tabletten gegen Bluthochdruck heimlich ausgespukt haben. Milosevic' Ärzte in Den Haag hätten diesen Verdacht gehegt, so Bokeria. "Mit Tests wollten sie die Medikamente in seinem Blut nachweisen, weil sie glaubten, er verstecke sie in seinen Backentaschen."

Wie auch immer. Bei einem "großen Herzinfarkt" kann die Pumpfunktion akut aussetzen, bei einem "kleinen Herzinfarkt" kann der Patient an den Herzrhythmusstörungen sterben, erklärt Michael Gottsauner-Wolf, Kardiologe am Wiener AKH. Ein Herzinfarkt sei jedenfalls schwieriger "von außen" auszulösen, als ein Herzversagen. Prinzipiell könne man durch eine falsche Dosierung von Bluthochdruckmitteln "einen lebensgefährlichen Zustand herbeiführen". Wenn man etwa Betablocker einige Tage horte und dann auf einmal zu sich nehme. "Die Reaktion ist aber individuell sehr verschieden."

Wenn man blutdrucksenkende Medikamente nicht mehr zu sich nehme oder sie durch andere Medikamente neutralisiere, entstehe nicht sofort und automatisch ein gefährlicher Bluthochdruck. "Das geht über Tage, aber sicherlich nicht innerhalb von Stunden", erklärt Gottsau- ner-Wolf. Blutdruckpatienten würden die Symptome kennen: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen.

Genauere Informationen seien erst nach einer toxikologischen Untersuchung in ein paar Tagen zu erwarten. "Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit nachweisen, wie viel er geschluckt hat und was er geschluckt hat", so Gottsauner-Wolf. (awö/DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2006)

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