Belgrad streitet über Beerdigung

14. März 2006, 18:53

Sozialisten wollen Staatsbegräbnis und drohen mit Regierungsbruch

"Milosevic ist auferstanden", steht auf einem Graffiti im Zentrum Belgrads. Tatsächlich scheint der Geist des Ex-Präsidenten allgegenwärtig. Welche Zeitung man auch in die Hand nimmt, auf der Titelseite prangt sein Foto, so wie man ihn seit eh und je kennt, mit entschlossener Miene und festem Blick. TV-Sender haben abrupt das Programm geändert, seit Tagen werden Milosevic gewidmete Sendungen ausgestrahlt. In den Lokalen prallen unversöhnlich zwei Welten aufeinander: Die einen weinen dem "großartigen Volksführer" nach, die anderen sind entsetzt, wie jemand dem Verbrecher überhaupt nachtrauern kann.

Einerseits gedachten tausende Menschen am Sonntag am Belgrader Zentralfriedhof des vor drei Jahren ermordeten serbischen Premiers, Zoran Djindjic. Der kompromisslose Reformer ließ Milosevic verhaften und dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen ausliefern. Gleichzeitig zündeten tausende Menschen vor dem Sitz der "Sozialistischen Partei Serbiens" (SPS) mit Tränen in den Augen Kerzen für die Seele des in Den Haag "getöteten" Milosevic an. Mitläufer des serbischen Diktators hatten das tödliche Attentat auf Djindjic organisiert, das ehemalige Mitglieder der Sondereinheiten der Polizei vollstreckten.

Auch nach ihrem Tod wird der Kampf um das politische Erbe der zwei bedeutendsten Politiker Serbiens nach dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens fortgesetzt. Tot jedenfalls erweist sich Milosevic gefährlicher für die politische Stabilität Serbiens, als lebendig im Gefängnis des UNO-Tribunals.

Begräbniskrise

Die Frage, wo und wie er begraben werden soll, droht eine Regierungskrise in Serbien auszulösen. Die SPS forderte für ihren "geliebten Parteiführer" ein Staatsbegräbnis mit allen Ehren. Andernfalls, so drohen SPS-Funktionäre, würden sie der Minderheitsregierung die parlamentarische Unterstützung entziehen. Einen offiziellen Antrag soll Milosevic' Anwalt, Zdenko Tomanovic, bereits an die serbische Regierung im Namen des Milosevic-Sprösslings Marko gestellt haben. Marko soll den Leichnam seines Vaters in Den Haag übernehmen.

Doch andere Koalitionspartner von Premier Vojislav Kostunica wollen die Regierung verlassen, falls für Milosevic ein Staatsbegräbnis gestattet wird. Denn dann würden Djindjic und Milosevic nebeneinander begraben liegen und das wäre furchtbar, konnte man hören.

Der Kompromiss könnte sein, dass Milosevic in Belgrad, aber ohne Staatsehren, bestattet wird. Laut sind die Stimmen rechtsradikaler Kräfte, die fordern, dass Milosevic für seine Verdienste ein Denkmal in Serbien errichtet wird. Zurückhaltend sind dagegen moderate Politiker, die höflich der Familie Milosevic und seiner SPS ihr Beileid ausdrücken. Nur vereinzelt kann man hören, dass die Beerdigung des Verbrechers Milosevic, der Serbien zugrunde gerichtet und so viel Leid auf dem Balkan verursacht hat, die Bürger Serbiens nicht beschäftigen sollte. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2006)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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    In der Zentrale der Sozialistischen Partei (SPS) werden Milosevic' Bilder geputzt. Die SPS will ein Staatsbegräbnis.

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