Getanzter Nachruf und Mozart

13. März 2006, 18:37
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Das RSO Wien und der Concentus Musicus im Wiener Musikverein

Wien - Als Christian Muthspiel vergangenen August die Nachricht vom Tod Albert Mangelsdorffs vernahm, da war der kompositorische "Musikgewinn" mehrerer Wochen dahin. Kurzerhand schrieb er das bereits weit gediehene Posaunenkonzert um, nunmehr jene mehrstimmige Technik fokussierend, die Mangelsdorff in den 70ern in die improvisierte (Blas-)Musik eingeführt hatte.

Der so gestaltete 23-minütige Nachruf auf den großen Mann des europäischen Jazz, ENNAHH . . . An Albert Mangelsdorff betitelt, Ende Februar in Wien "voraufgeführt" und in Linz offiziell "uraufgeführt", war am Freitag im Rahmen des Musikvereinszyklus des RSO Wien, geleitet von Michael Schønwandt, erneut in der Bundeshauptstadt zu hören.

Durchaus potpourriartig eingebettet zwischen Mozarts früher D-Dur-Symphonie KV 181, Béla Bartóks Konzertsuite "Der holzgeschnitzte Prinz" und Zoltán Kodálys "Tänzen aus Galánta". Wobei von Letzteren der Weg zu Christian Muthspiel kein allzu weiter ist: Zwischen neoromantischer Expressivität und neoklassizistischer Motorik angesiedelt, strukturierte der selbst in der Solistenrolle aktive Komponist das orchestrale Geschehen wie eine Art Subdirigent, fast wie ein Bandleader.

Groovig infiziert

Einerseits in Gestalt einer quasi-thematischen, in veränderlichen harmonischen und Timbrefarben beleuchteten Zwölftonlinie, andrerseits aber in teils burlesken, teils Marsch- und Volkstanz-inspiriert anmutenden Motiven, rhythmisch prägnanten "Anreißern", über die Muthspiel das Orchester groovig infizierte. Nach einer lang angelegten Steigerung und einer heftigen Klimax blieb am Ende des transparenten Stücks ein poesievoller Ausklang: Ausatmen. Stille.

Ein wenig Stille - zwischendurch - hätte auch Mozarts Zaide vertragen. Im Musikverein konzertant auf die Bühne gebracht, erlebte das Werk jedoch die quasi verbale Hinüberführung in die Gegenwelt durch Erzähler Tobias Moretti - sympathisch intensiv, aber etwas pathosgetränkt und geschwätzig umgesetzt.

Eine Belebung des Fragments war zu verzeichnen. Allerdings: Auch mit einer rein musikalischen Vermittlung hätte man gut leben können; schließlich gab sich der Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt als eloquenter Begleiter von vokaler Wut und Wehmut.

Hinreißend Diana Damrau (als Zaide), delikat Michael Schade (als Gomatz) und Florian Boesch (als Allazim); solide Rudolf Schasching (als Soliman) und Anton Scharinger (als Osmin). Und wie immer frappant die Aussagen von Harnoncourt, der im Programmheft zum Werkschluss meinte: "Das Fehlen eines Schlusses ist total hypothetisch. Wenn nach dem Quartett alle tot sind, wer soll dann singen?" (felb, tos/ DER STANDARD, Printausgabe, 14.03.2006)

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