Selbstmord nicht ausgeschlossen

17. März 2006, 10:21

Streit in serbischer Regierung - Blutanalyse soll Ursache klären

Trotz offener Fragen über die genaue Todesursache des ehemaligen serbischen Präsidenten und Angeklagten Slobodan Milosevic hat das Haager Kriegsverbrechertribunal seinen Leichnam am Montagabend freigegeben. Milosevic soll in Belgrad beerdigt werden.

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Selbst nach seinem Tod erweist sich Milosevic noch als Meister der Manipulation. Wenige Stunden nach seinem Ableben präsentierte Milosevic' Anwalt, Zdenko Tomanovic, einen handgeschriebenen Brief seines Mandanten an das russische Außenministerium, indem Milosevic behauptet, das Tribunal wolle ihn "zum Schweigen bringen".

Laut dem vorläufigen Bericht des Niederländischen Forensischen Instituts ist Milosevic an einem Herzinfarkt gestorben. Die Pathologen haben zwei Herzfehler entdeckt, die beide unabhängig voneinander zu einem Infarkt führen können. Der toxikologische Bericht der Gerichtsmediziner steht noch aus. Ungeklärt bleibt jedoch, weshalb das Blut des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten zu einem früheren Zeitpunkt Spuren des Tuberkulosemittels Rifampicin aufweist.

Bereits im Jänner dieses Jahres hatte der Toxikologe Donald Uges von der Universität Groningen das Blut untersucht. Der Leiter des pharmazeutisch-toxikologischen Labors in Den Haag hatte die Untersuchung angeordnet, um festzustellen, warum die verordneten blutdrucksenkenden Tabletten bei Milosevic keine Wirkung zeigten. Uges vermutet, dass Milosevic das Mittel absichtlich einnahm, um seinen Gesundheitszustand zu verschlechtern. Milosevic wollte das Tribunal zwingen, ihm eine "einfache Fahrkarte nach Moskau" auszustellen, meinte Uges. Er will nicht ausschließen, dass Milosevic Rifampicin einnahm, um Selbstmord zu begehen. "Wenn man das Medikament absetzt und dann eine doppelte Dosis der blutdrucksenkenden Medikamente schluckt, kann man einen Herzinfarkt erleiden."

"Andere Mittel"

Der Toxikologe hatte seinen Bericht am 21. Februar dieses Jahres dem Chefpharmazeuten übergeben, zwei Tage später war der Bericht dem behandelnden Arzt von Milosevic zugestellt worden. "Entweder hat Milosevic die ihm verschriebenen Medikamente nicht genommen", sagte der Pharmazeut Touw, "oder er hat noch andere Mittel eingenommen."

Laut einem Bericht des niederländischen Fernsehsenders NOS 1 soll Milosevic seit November vergangenen Jahres das Tbc-Mittel eingenommen haben. Unklar ist, wie Milosevic zu dem Tbc-Medikament kam und wie lange er das für ihn lebensgefährliche Medikament eingenommen hat. Zugang zu Milosevic im Scheveninger Gefängnis hatten neben dem behandelnden Arzt Familienangehörige und seine Anwälte. Das Regime im Scheveninger Gefängnis gilt als relativ freundlich.

Die Zelltüren bleiben tagsüber unversperrt. Es ist den Gefangenen erlaubt, sich frei im Gebäude zu bewegen. Milosevic konnte nach Belieben in Kontakt zu anderen Angeklagten des Kriegsverbrechertribunals treten. Die Verantwortung für die Haftbedingungen von Milosevic lag beim Tribunal. Das niederländische Justizministerium stellt nur die Infrastruktur zur Verfügung. Ob und wie oft Aufseher nach Milosevic gesehen haben, wollte das Justizministerium nicht sagen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat indes eine Beteiligung Moskauer Ärzte an den Forschungen zur Todesursache verlangt. "Erst hat man uns nicht getraut. Jetzt haben wir das Recht, denen nicht zu trauen, die diese Expertisen erstellen", sagte Lawrow am Montag.

Trotz der offenen Fragen hat das Tribunal entschieden, den Leichnam von Slobodan Milosevic freizugeben. Das Gerichtsverfahren gegen den verstorbenen Milosevic wird Dienstag fortgesetzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2006)

Barbara Hoheneder aus Den Haag

Siehe

Ein Infarkt und viele Theorien

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    Gebet am Grab der Opfer von Racak: In dem kosovarischen Dorf hatten serbische Einheiten im Jänner 1999 Dutzende Zivilisten ermordet. Das UN-Tribunal in Den Haag sollte die Rolle von Slobodan Milosevic bei den Verbrechen im Kosovo klären.

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