Theatralischer Assistenzdienst an der verstockten Weiblichkeit

13. März 2006, 20:34
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Sibylle Bergs "Das wird schon. Nie mehr lieben!" im Wiener TAG: Kritik in herzlichstem Einvernehmen mit den beklagten Verhältnissen

Wien – Seit den sich berufsjugendlich dünkenden Theatern die alten Tragödien wahlweise zu karg, zu platt oder zu morsch geworden sind, behaupten sie den geringsten aller überhaupt nur denkmöglichen Besitzstände als ihr kostbarstes, als unveräußerliches Gut: die Zeitgenossenschaft.

Sie nehmen dann, so wie das Theater an der Gumpendorfer Straße, pro forma eine kritische Haltung ein. Und wer wäre heute nicht aller kritisch eingestellt: Andreas Goldberger kritisiert das Absprungverhalten leptosomer Sprungsportler, weil er dafür ein ORF-Kommentatorenhonorar bekommt und anschließend tanzen gehen darf. Dieter Bohlen kritisiert auf RTL den Gesang junger Goldkehlen, deren verzinslichen Effekt er als Tonmeister umso besser zu nutzen versteht.

Solche Kritik sucht das herzlichste Einvernehmen mit den von ihr beklagten Verhältnissen. Sie macht sich, wie zum Beispiel Regisseurin Margit Mezgolich mit ihrer Sibylle-Berg-Inszenierung von "Das wird schon. Nie mehr lieben!" im TAG, mit dem Elend, das sie aufzuspießen vorgibt, auf jubelschreiende Art gemein.

Denn die Deutsche Berg ist in Wahrheit der Berg Ararat des Nonkonformismus. Sie pumpt in ihre Prosa – wie etwa zuletzt in ihre zwerchfellerschütternde Romanapokalypse Ende gut – Liter satirischer Säure. Berg verkleidet sich als lebensweltlich verkrachte Erzählinstanz, die die Elendserfahrung des Alterns am eigenen Prosaleib für die "Jungen Kreativen" da draußen stellvertretend abdient.

Berg ist die liturgische Vernichterin aller "Wohlfühlpropheten", die, mit Gesichtscremes und Hautcharaktermasken geschützt, den Grabenkrieg in den Schutzzonen der Konsumkohorten mehr schlecht als recht abdienen, ihn aussitzen – und dabei stillschweigend vereinsamen.

In Gumpendorf kriechen zwei wackere Damen (Michaela Kaspar, Petra Strasser) von zwei Betriebsbürostuhlgebirgen herab und setzen jede nur denkbare Unsinnsmiene auf, die ungelenkten Schauspielern über die Gesichter kriechen kann. Sie absolvieren eine Art "Entliebungsseminar": Ein glatzköpfiger Wohlfühlberater (Andreas Erstling) stellt mit ihnen die prekärsten Beziehungsmodelle als wunderbare Pocket-Tragödien nach, komplett mit Orgelmusik und einer Art postklimakteriellen Assistenzfurie (Elisabeth Prohaska). Bergs Text ist so etwas wie ein Louis-Vouitton-Brecht: Er fordert einen gestischen Überschuss, der inmitten sattsam bekannter Verlaufs- und Verfallsstudien den Gesichtspunkt der Katastrophenüberwindung dingfest machen könnte.

Hier, im TAG, wird noch so gespielt, als kennte man kein Heute und kein Morgen. Darum auch weht einen das Gestern unangenehm an. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.03.2006)

Von Ronald Pohl
  • Artikelbild
    foto: tag/ © verena schäffer
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