"Knallhart": "Das sind doch alles Verlierer"

14. März 2006, 13:09
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Türkische Gangs, ein arabischer Drogenring und der langsame Abstieg in die Kriminalität: Detlev Buck Regisseur von "Knallhart" im STANDARD-Gespräch

Buck erzählt die Geschichte eines deutschen Jungen, der sich in einem der "Problembezirke" Berlins zurechtfinden muss.


Wien – "Fett bist du geworden. Du hast sechs Wochen Zeit, mich wieder geil zu machen." Schon einer der ersten Sätze von Detlev Bucks neuem Film Knallhart macht deutlich, dass hier bevorzugt direkt gesprochen wird. Miriam – gegen ihr Starlet-Image mit Jenny Elvers-Elbertzhagen besetzt – und ihr Sohn Michael (David Kroß) werden kurz danach das Milieu wechseln: Vom Villenviertel Zehlendorf ziehen sie nach Neukölln um, in einen der sozialen Brennpunkte Berlins, der von Einwanderern aus der Türkei und arabischen Ländern dominiert wird.

Knallhart erzählt die Geschichte einer umgekehrten Integration. Ein 15-jähriger deutscher Junge muss sich in einer Welt zurechtfinden, deren soziale Codes ihm denkbar fremd sind. Von Anfang an ist Michael das Ziel von Übergriffen einer Gruppe von türkischen Halbwüchsigen, die von Errol (Oktay Özdemi) angeführt wird. Er wird erpresst, zusammengeschlagen, zum Opfer des "Topfschlagens" – eines brutalen Spiels, bei dem ein Baseballschläger und ein über den Kopf gestülpter Kübel die zentralen Gegenstände sind.

Mit Knallhart betritt Regisseur Detlev Buck, der bisher vor allem auf Komödien spezialisiert war (Wir können auch anders, Männerpension), neues Terrain. Zwar zeichnet auch seinen neuen Film ein komischer Tonfall aus, der manch harsche Situation ein wenig mildert, im Zentrum steht jedoch ein soziales Getto und seine inneren Abläufe. Es wird zum Schauplatz eines Dramas, das sich an die Regeln des Genrefilms hält und zugleich offen bleibt für die Zurich^tungen der Ge^genwart. Eine Art ^Mean Streets unter Jugendlichen?

"Wir hatten French Connection geguckt – wegen der Dunkelheit auf den Straßen. Aber mit Gregor Tessnows Roman gab es eine stimmige Vorlage,", erzählt Buck im Standard- Interview, "die nach hinten hin immer mehr Druck aufbaut. Der Film sollte physisch werden und zugleich doch Entertainment bieten. Wichtig war mir, in das Milieu richtig hineinzufinden. Wenn die Jungs nach dem Einbruch zum Hehler gehen, in den Keller, ist man schließlich komplett im Genre. Ich wusste, dass diese Ebenen nicht auseinander fallen würden, weil das Gesicht des Jungen die Geschichte trägt."

Der allmähliche Wechsel Michaels vom Status des Opfers zum vielleicht ein wenig zu abgebrühten Drogendealer im Auftrag eines arabischen Kriminellen gibt den dramaturgischen Bogen für die Erzählung vor. Michaels Blick auf die neue Umgebung steht stellvertretend für die Perspektive des Films. Nebenbei entsteht dabei das Bild eines Soziotops, in dem herkömmliche staatliche Kontrollen kaum mehr greifen. Debatten wie jene über drohende Parallelgesellschaften haben Buck aber nicht zum Film inspiriert.

"Das Thema ist natürlich gesellschaftlich immer brisanter geworden. Wir wollten aber primär etwas über Jugendliche machen: einen seriösen Film. Der kulturelle Einblick in ein Milieu ist ja eher eine Spezialität von Fatih Akin, wie etwa in Kurz und schmerzlos. Da setz ich mich nicht hin und sage, ,Das mach ich jetzt auch!‘. Außerdem hatte ich immer mehr den Eindruck, dass in Neukölln die verschiedensten Milieus zusammenknallen. Da ist nichts parallel. Du weißt dort irgendwann überhaupt nicht mehr, wo du eigentlich bist."

Perfekte Frisuren

Buck hat sich mit hohem Rechercheaufwand Kenntnisse über den Schauplatz verschafft. Er spielt zwar mitunter auch ironisch mit Klischees, in der Sprache und in kulturellen Eigenheiten bleibt er aber sehr präzis. "Die Beobachtungen sollten ein wenig dokumentarisch wirken. Die Schulklasse, der richtige Tonfall der Türken und Araber, das Symbol der Schuhe, die ich an unterschiedlicher Stelle platziere – solche Dinge waren mir wichtig. Die Jungs sind aber auch selber sehr akribisch. Als wir einem mal die Haare machen wollten, bellte er: ,Fassen Sie sie nicht an, die liegen heute perfekt!‘"

Der von manchen Kritikern geäußerte Vorwurf, der Film bediene ausländerfeindliche Stereotype, greift auf jeden Fall zu kurz. Schon deshalb, weil Buck kein manichäisches Bild forciert, sondern jeder Figur auch ein soziales Umfeld zugesteht – und damit manchen Erwartungen zuwider läuft: "Meine Figuren sind ja eigentlich alle Verlierer! Und ich mochte Errol als Type sehr gerne, der ist ja kein Kind von Traurigkeit. Er ist Chef der Türkengang, aber er ist auch Vater und ganz zärtlich. Nur so bekommt der Film seine Tiefe. Alles andere wäre mir zu einfach gewesen."

Zur Glaubwürdigkeit trägt nicht zuletzt aber auch die Inszenierung bei. Buck hat aus dem Film die Farbtöne herausgefiltert und einen schönen Rhythmus aus dynamischen und solchen Szenen gefunden, in denen das Geschehen plötzlich ganz still steht – etwa wenn Michael erstmals Koks an einen Kunden liefert, der von Georg Friedrich gespielt wird: "Wir haben viel mit Handkamera gedreht, aber in diesen Szenen nicht. Da ging es mir vor allem um eine physische Bedrohung, die nicht greifbar wird. Ich fragte Georg Friedrich, ob er massieren kann – und so kamen wir auf die Idee, dass er Michael am Hals nimmt und etwas gegen dessen Anspannung macht: ,Knacks!‘" (DER STANDARD, Printausgabe, 14.03.2006)

Von Dominik Kamalzadeh


Ab Freitag im Kino
  • Artikelbild
    foto: filmladen
  • Regisseur Buck und Hauptdarsteller
    foto: filmladen

    Regisseur Buck und Hauptdarsteller

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