Rechtsbündnis schießt sich nach Berlusconi-Interview auf Rai ein

14. März 2006, 07:53
3 Postings

Eklat vor Duell zwischen Oppositionskandidat Prodi und Premier Berlusconi: Regierung fordert "Konsequenzen"

Höflichkeitsfloskeln und freundliche Sonntagsfragen gehören nicht zum Repertoire von Lucia Annunziata. Die frühere Präsidentin des staatlichen Fernsehens Rai pflegt in ihren Interviews einen manchmal fast rüden Ton. Jedenfalls nicht jenen der freundlichen Anbiederung, wie ihn Silvio Berlusconi zu schätzen weiß. Vielleicht konnte Italiens Ministerpräsident am Sonntag im Studio von Rai 3 deswegen der Versuchung nicht widerstehen, der bekannten Journalistin seine persönlichen Lieblingsfragen zu suggerieren.

"Fragen Sie mich doch, warum man das Rechtsbündnis wählen soll", lautete sein Vorschlag. Doch die Miene des Regierungschefs verfinsterte sich rasch, als die Moderatorin ihn nach den Journalisten Enzo Biagi und Michele Santoro befragte, deren Sendungen die Rai auf Berlusconis Betreiben eingestellt hatte. Als Annunziata noch eine Frage nach dem Interessenkonflikt des Premiers nachschob, war es mit der mühsam zur Schau gestellten Gelassenheit des prominenten Studiogastes vorbei.

"Die Fragen stelle ich"

"Sie sind eine gewalttätige Person, die mich zu gewissen Aussagen zwingen will", ereiferte sich Berlusconi. Nur eine Minute später kam es zum Eklat. Annunziata, hartnäckig: "Das ist ein Interview. Und die Fragen stelle ich." Berlusconi: "Sie sollten sich über ihr Benehmen schämen. Sie sind eine typische Linke, die auch für andere entscheiden will. Ich als Liberaler entscheide nur für mich."

Mit dieser Feststellung verließ der Regierungschef empört das Fernsehstudio – um sich wenige Stunden später im Sportpalast von Pescara von tausenden Anhängern feiern zu lassen. Via Großleinwand durften sie am Wortgefecht mit Annunziata teilhaben - als beredtes Beispiel dafür, dass "alle wichtigen Medien Italiens fest in linker Hand sind".

Aus allen Rohren schoss sich das Rechtsbündnis am Montag auf die Rai ein. Die Regierung forderte "Konsequenzen" und bestand auf eine Sitzung der parlamentarischen Überwachungskommission. Rai-Präsident Claudio Petruccioli warf Annunziata vor, sie habe "sich von Berlusconi provozieren lassen". Das vehemente Sperrfeuer diente vor allem einen Zweck: Einen Tag vor dem direkten Fernsehduell mit seinem Widersacher Romano Prodi sollte es Silvio Berlusconi als Opfer "linker Rai-Machenschaften" darstellen.

Mehrere Wochen hatte der Ministerpräsident seinem Gegner "Feigheit" unterstellt, weil Prodi ein Fernsehduell ohne klare Regeln abgelehnt hatte. Nach langem Tauziehen einigten sich die Berater der beiden Konkurrenten auf zwei Duelle nach den Spielregeln des US-Wahlkampfs: Zwei angesehene Journalisten stellen die Fragen; die Redezeit ist auf je zweieinhalb Minuten begrenzt; Unterlagen dürfen nicht verwendet werden.

Kaum war die Vereinbarung unterzeichnet, da hatte Berlusconi jedes Interesse an den Duellen verloren. Es handle sich um "leblose Auftritte eines Wachsfigurenkabinetts", schimpfte er.

Peinliche Schlappe

Je näher die Wahl rückt, desto nervöser und hektischer wirken Berlusconis Auftritte. Das bekamen Millionen Fernsehzuschauer am Freitag einprägsam vor Augen geführt. In seinem eigenen Sender Canale 5 geriet ausgerechnet das als "Spaziergang" angekündigte Duell gegen den Kommunisten Oliviero Diliberto für den Premier zu einer peinlichen Schlappe. Berlusconi nach der Sendung: "Ich hatte zu wenig Zeit, um mich vorzubereiten." (DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2006)

Von Gerhard Mumelter aus Rom
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der italienische Premier Berlusconi reagierte entzürnt auf die Fragen der TV-Journalistin: "Sie sind eine gewalttätige Person, die mich zu gewissen Aussagen zwingen will."

Share if you care.