Einserfrage: Wie kulant ist die Kirche?

15. März 2006, 15:30
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Es antwortet: Josef Weiss, Leiter des Kirchenbeitragsdienstes in der Erzdiözese Wien

derStandard.at: Bischof Küng hat angekündigt, dass sich die katholische Kirche bei ausstehenden Beiträgen künftig kulanter zeigen möchte, was könnte das konkret bedeuten?

Weiss: Grundsätzlich ist es so, dass sich alle Diözesen bemühen, bei der Einhebung des Kirchenbeitrages kulant vorzugehen. Das ist nicht neu. Neu ist vielleicht, dass wir jetzt diesem Thema noch mehr Aufmerksamkeit schenken wollen und dieses unangenehme Mittel der Klage verhindern möchten.

derStandard.at: Wie könnte eine Klage verhindert werden?

Weiss: Es gibt kein Patentrezept. Wir haben in der Erzdiözese Wien 950.000 Beitragszahler, da ist es völlig klar, dass es immer eine Gruppe geben wird, die den Beitrag entweder nicht zahlen kann oder nicht zahlen will.

Wenn jemand nicht zahlen kann - z.B. bei Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit - dann finden wir immer einen Weg, und es kommt auch nicht zur Klage. Wenn jemand nicht zahlen will, kann es auch zu einer Klage kommen.

derStandard.at: Wie kulant ist die Kirche dabei derzeit?

Weiss: Derzeit haben wir 0,8 Prozent der Beitragszahler zur Klage führen müssen. Auch hier haben wir im Vorfeld alles Menschenmögliche versucht: Wir haben Hausbesuche gemacht, wir greifen zum Telefonhörer und wir versuchen ins Gespräch zu kommen. Wir erreichen aber leider nicht alle, weil wir beispielsweise nur 42 Prozent der Telefonnummern finden. Wir haben also das Problem, dass wir nicht mit jedem ein Gespräch führen können.

derStandard.at: Wie oft mahnt die Kirchenbeitragsstelle?

Weiss: Bis es zu einer Klage kommt, hat der Betroffene acht Zusendungen erhalten. Zusätzlich gab es vielleicht auch noch eine persönliche Kontaktaufnahmen durch die Pfarrgemeinde, durch die Kirchenbeitragsstelle oder unseren Interventionsdienst. Das Problem ist, dass die Leute das einfach ignorieren und abwarten was passiert.

Die Möglichkeit der Einhebung des Kirchenbeitrages durch Mahnklage gibt es nun nach wie vor, das hat auch Bischöf Küng nicht in Abrede gestellt. Es gilt jetzt, die Vorgehensweise durch Vorfeldmaßnahmen zu optimieren. Das versuchen aber alle Diözesen in den letzten Jahren ohnehin schon. Es ist einfach ein sehr steiniger Weg.

derStandard.at: Als Grund für eine noch kulantere Haltung wurden die Kirchenaustritte genannt. Treten die Leute eigentlich wegen des Beitrages aus der Kirche aus?

Weiss: Nein, definitiv nicht. In Wien haben wir 20 Prozent der Beitragszahler, die mit Frühzahlerbonus ihren Jahresbeitrag bezahlen, 13 Prozent bezahlen per Einzugsermächtigung, fünf Prozent haben einen Dauerauftrag. Wir haben viele, viele gute Zahler. Alleine in Respekt vor den guten Zahlern, müssen wir diejenigen daran erinnern, die nicht bezahlen.

Insgesamt treten nur weniger als 20 Prozent aus finanziellen Gründen aus. Der Kirchenbeitrag ist für viele nur ein letzter Anlasspunkt dafür. Wenn ich vier Mal im Jahr an meinen Beitrag erinnert werde, muss ich irgendwann einmal Stellung beziehen. So ehrlich muss jeder einmal irgendwann zu sich selbst sein: Möchte ich jetzt bei dieser Gemeinschaft Mitglied bleiben, die da dauernd einen Beitrag von mir will, obwohl ich mich nicht zu ihr hingezogen fühle?

derStandard.at: Bringt es dann überhaupt etwas, noch kulanter zu werden, wenn die Menschen nicht wegen des Beitrages austreten?

Weiss: Wunder wirken werden wir damit nicht.

derStandard.at: Was bekommt man eigentlich genau für den Kirchenbeitrag?

Weiss: Der Kirchenbeitrag ist ein Mitgliedsbeitrag. Sie bekommen dafür keine sofortige spürbare Leistung, sondern ermöglichen dadurch, dass die Kirche in Österreich in den Bereichen Religion, Kultur und Soziales ihre Dienste ausüben kann. Das ist die Umwegrentabilität für jeden einzelnen Staatsbürger. Auch Nicht-Mitglieder profitieren davon, dass in diesen Bereichen etwas passiert.

In anderen Ländern werden diese Dinge durch staatliche Steuermittel finanziert. In Österreich gibt es gottlob den Kirchenbeitrag und der Staat kann vieles vor sich herschieben und an die Kirche delegieren.

derStandard.at: Ohne Kirchenbeitrag wäre die katholische Kirche finanziell nicht überlebensfähig?

Weiss: Nicht in dieser Form. 86 Prozent der kirchlichen Einnahmen kommen aus dem Kirchenbeitrag. Selbstverständlich würde es die katholische Kirche auch ohne den Kirchenbeitrag geben. Aber nicht in dieser Gestalt, nicht mit diesem Leistungsspektrum, nicht mit diesen Angeboten. Vieles müsste eingestellt werden und vieles müsste der Staat übernehmen, oder die Gesellschaft verzichtet überhaupt darauf.

derStandard.at: Denken Sie, dass es irgendwann einmal keinen Kirchenbeitrag mehr geben könnte?

Weiss: Das wissen wir nicht. Das System ist optimier- und ausbaubar. Ab dem Jahr 2005 wurde die steuerliche Absetzmöglichkeit zum Beispiel auf 100 Euro pro Person angehoben. Ich bin davon überzeugt, dass es ausbaubar und für weitere Jahrzehnte überlebensfähig ist. Ohne den guten Willen der Katholiken geht da aber gar nichts.

Die Fragen stellte Rainer Schüller

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kirchenbeitrag.at

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  • Josef Weiss ist Leiter des Kirchenbeitragsdienstes in der Erzdiözese Wien
    foto: privat

    Josef Weiss ist Leiter des Kirchenbeitragsdienstes in der Erzdiözese Wien

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