Was in der Luft liegt

21. März 2006, 18:43
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Irgendwann wird ja auch dieser Winter zu Ende gehen - und dann soll die Feinstaubbelastung doch besser werden, als sie in der kalten Jahreszeit war. Aber während man sich noch über Grenzwerte und Immissionsschutzgesetze streitet, sind die wahren Risiken nur schemenhaft zu erkennen. Zum Stand der Feinstaubdebatte aus Sicht der Forschung

Feinstaub, das ist ein Begriff mit Alarmwirkung geworden. Mit bloßen Augen sind die winzigen Fieslinge nicht zu erkennen, und doch atmen wir sie ständig ein. Sie dringen in Blutbahnen und Lunge ein, ohne dass wir es spüren, und entfalten über kurz oder lang ihre tödliche Wirkung. Kein bloßes Horrorszenario, glaubt man der WHO. Die Weltgesundheitsorganisation errechnete letztes Jahr, dass die frei schwebenden Ruß-, Mineral-und Metallpartikel jeden Europäer statistisch gesehen 8,6 Lebensmonate kosten. Mitte letzter Woche wurde eine Megastudie aus den USA veröffentlicht, laut der die Krankenhausaufenthalte von 11,5 Millionen Patienten mit den Feinstaubmessungen korrelierten. Und siehe da: Wurden die Grenzwerte überschritten, stiegen auch die Einlieferungen wegen Herz- und Lungenerkrankungen signifikant an.

Hier zu Lande gilt seit 1. Jänner 2005 der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter, der nur an 30 Tagen im Jahr überschritten werden darf. Dass dieser Grenzwert 2005 an 58 von insgesamt 104 Messstellen in Österreich häufiger verletzt wurde, vervollständigt das Bedrohungsszenario. Spitzenreiter sind drei Messstellen in Graz, an denen die Grenzwerte an 127, 112 und 97 Tagen überschritten wurden. Und schon Mitte März 2006 sind die erlaubten 30 Tage an den Grazer Messstellen bereits "verbraucht".

Verfeinerte Methoden

Ohne die Gesundheitsgefährdung kleinreden oder Handlungsbedarf in Abrede stellen zu wollen. Es sind die Verfeinerung der Messmethoden und die Festsetzung von Grenzwerten, die für die anscheinend wachsende Gefahr verantwortlich zeichnen. Die zahlreichen Überschreitungen bedeuten nämlich keineswegs, dass die Gesundheitsbedrohung früher weniger akut war. Zum einen ist die Luft seit Ende der Siebzigerjahre deutlich besser geworden, die Schwefeldioxidbelastung ist dank entsprechender Filter in den Fabrikschloten stark gesunken. Zum anderen war früh abzusehen, dass die Grenzwerte 2005 mehr als "erlaubt" überschritten wurden.

Verantwortlich war in erster Linie die Witterung im Winterhalbjahr mit den langen Hochdruckphasen. Als Instrument zum Setzen von Gegenmaßnahmen sind Grenzwerte wohl unverzichtbar, wie sinnvoll sie hinsichtlich ihrer psychologischen Wirkung auf die Öffentlichkeit sind, ist zumindest fraglich. Vor einer Grenzwertfixierung warnt auch Manfred Neuberger vom Institut für Umwelthygiene der Medizinuni Wien. Denn für die Gesundheitsbelastung sind die Jahresmittelwerte letztlich aussagekräftiger als die Spitzen.

Vonseiten der Medizin ist mittlerweile auch der Grenzwert selbst in die Kritik geraten. Gemessen wird derzeit nämlich ausschließlich die PM-10-Belastung (siehe Wissen), nicht aber jene durch PM 2,5. Mehrere Studien legen jedenfalls nahe, dass die Teilchen, die weniger als 2,5 Mikrometer Durchmesser haben, schädlicher sind als jene, die zwischen 2,5 und 10 messen.

Seit September letzten Jahres liegt zwar ein Entwurf der EU-Kommission für die Revision aller Richtlinien vor, die Einführung eines zusätzlichen Grenzwertes für PM 2,5 ist im Gespräch. Aber das könne noch dauern, sagt Jürgen Schneider, Leiter der Abteilung Lufthygiene beim Bundesumweltamt: "Natürlich hinkt die Politik der Forschung immer hinterher."

An den bestehenden Verordnungen wird weiterhin kritisiert, dass nur rein quantitativ gemessen wird und nicht die einzelnen Inhaltsstoffe analysiert werden. Ob wir den relativ harmlos mineralischen Staub inhalieren oder lungenunlöslichen Kohlenstoff - Dieselruß und Holzbrand sind hier die Hauptverursacher -, macht in der Gesundheitsbilanz einen gewaltigen Unterschied, so Manfred Neuberger.

Keine Routine

Zwar wurden in Österreich schon qualitative Methoden erfolgreich getestet, diese sind aber noch keineswegs Routine. Auch werden durch eine qualitative Analyse allein die Schadstoffe noch nicht weniger. Abhilfe soll hier die Novelle des Immissionsschutzgesetzes von 2001 schaffen, die diesen Monat in Kraft tritt. Die Grenzwerte bleiben darin unverändert, aber das Maßnahmenportfolio der Landeshauptleute bei Grenzwertüberschreitungen wurde erweitert. In unzureichender Weise, so Opposition und Umweltverbände. Sie kritisierten weiter "industriefreundliche" Ausnahmeregelungen.

Die Feinstaubbelastung ist von mehreren Faktoren abhängig, die sich durch Tempolimits, Fahrverbote und Partikelfilter zum guten Teil gar nicht oder nur indirekt beeinflussen lassen - wie etwa der Witterung oder dem "Ferntransport" von Feinstaub aus dem Ausland. Die Moral von der Geschicht'? Grenzwerte sind immer cum grano salis, mit einem feinem Körnchen Salz zu nehmen. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 3. 2006)

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