STANDARD-Interview: Das Hokuspokus-Handy

21. März 2006, 18:43
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Im Forschungszentrum Telekommunikation werden die Handy-Applikationen der Zukunft entwickelt - ftw-Psychologe Peter Fröhlich spricht darüber, was alles möglich sein wird

STANDARD: Herr Fröhlich, ein Mobiltelefon ist für Sie wesentlich mehr als ein Gerät zum bloßen Telefonieren?

Fröhlich: Telefonieren war der Anfang für eine Entwicklung, die längst über diese eine Funktion hinausgewachsen ist. Das Handy ist heute für die meisten Menschen ein ständiger Begleiter, ein Gerät, das das Unterwegssein im weitesten Sinn erleichtern soll. Schon heute wird es ja als mobiles Büro einerseits aber auch als Vehikel für mobiles Entertainment eingesetzt.

STANDARD: Sie arbeiten aber doch gerade an Anwendungen, von denen der normale Handy-User heute überhaupt noch keine Ahnung hat?

Fröhlich: Wir gehen von der Annahme aus, dass Handys schon bald ein Vehikel für sehr umfassende Informationsbeschaffung sein werden. Die Suchmaschine Google ist ein gutes Beispiel. Google Earth hat begonnen, geografische Daten abrufbar zu machen. Wir haben das schon lange als Trend erkannt und stellen uns vor, wie es sein wird, wenn das Handy ein virtueller Zeigestab ist.

STANDARD: Sie meinen also, dass man unterwegs einfach mit dem Handy auf ein Objekt, zum Beispiel ein Haus, einen Supermarkt zeigt, und in Sekundenschnelle Informationen dazu auf dem Display hat?

Fröhlich: Genau. Unser Projekt heißt "Point to discover" (p2d). Wir stellen uns vor, wie es sein wird, wenn Handys nicht nur mit Kameras, sondern eines Tages auch mit GPS-Empfängern, digitalem Kompass und Sensoren ausgestattet sein werden. Mit dieser technischen Infrastruktur werden ganz neue Möglichkeiten und Funktionen erschlossen werden können.

STANDARD: Wie genau soll das funktionieren?

Fröhlich: Stellen wir uns einen Touristen in Wien vor. Er spaziert durch die Innenstadt und steht plötzlich vor dem Stephansdom. Er will mehr über dieses Gebäude wissen, nimmt also sein Mobiltelefon und zeigt auf den Turm. Das Gerät erkennt über GPS den Standort und kann dank digitalen Kompasses auch die Richtung, in die es zeigt, erkennen. Ein Knopfdruck genügt, und es erscheint die Geschichte des Stephansdoms auf dem Display.

STANDARD: Ist das denn heute nicht schon mit handelsüblichen GPS-Geräten möglich?

Fröhlich: Im Prinzip schon. Der Unterschied zu einem p2d-Szenario besteht darin, dass GPS die Blickrichtung heute nicht erkennen kann. Wir kombinieren GPS mit einem digitalen Kompass und Sensoren, daraus ergibt sich für den Benutzer eine ganz andere Situation. Alles wird wesentlich präziser. Der Benutzer steuert aktiv den Vorgang der Informationsbeschaffung.

STANDARD: Wie kann so viel Information auf einem kleinen Handy-Display angezeigt werden?

Fröhlich: Usability und das Design dieser interaktiven Szenarien sind ein Schwerpunkt in diesem Projekt. Wir machen vor allem Grundlagenforschung und versuchen zukünftige Szenarien zu antizipieren, also vorherzusehen.

STANDARD: Was ist am schwierigsten dabei?

Fröhlich: Es geht uns nicht nur um technische Machbarkeit, sondern vor allem um die Benutzer. Raumwahrnehmung ist dabei ein zentrales Thema. In unserem Projekt binden wir von Anfang an auch potenzielle User ein. Wir wollen wissen, wie sie mit dem Handy als virtuellem Zeigestab zurechtkommen. Das Ergebnis werden wir unseren Industriepartnern am Ende des Projektes im Mai 2007 zur Verfügung stellen. Auf dieser Basis können sie dann kommerzielle, benutzerfreundliche Anwendungen entwickeln.

STANDARD: Gehen Sie davon aus, dass um alle wichtigen Gebäude so etwas wie eine virtuelle, auf Knopfdruck abrufbare Informationswolke schweben wird?

Fröhlich: Das ist der andere Teil unseres Projektes. Hier geht es um die Möglichkeiten für Informationsanbieter und die Frage, wie Information im dreidimensionalen Raum in einer Plattform strukturiert, dargestellt und verfügbar gemacht werden kann. Auch das soll der Industrie eines Tages zur Verfügung gestellt werden. Wer will, kann dann mitmachen.

STANDARD: Standortbezogene Information ist aber doch auch schon als "Location based Service" (LBS) verfügbar?

Fröhlich: LBS-Services kommen automatisch aufs Handy. Vielleicht will ein User aber nicht wissen, dass er sich gerade in der Nähe einer Pizzeria befindet. Point-of-discover ist zielgerichtet. Geografische Information muss präzise sein, dann kann sie individuelle User-Wünsche befriedigen.

STANDARD: Wo sehen Sie noch p2d-Anwendungen der Zukunft?

Fröhlich: Wenn Realität und virtuelle Wirklichkeit verschmelzen, eröffnen sich viele neue Möglichkeiten. Supermärkte könnten beispielsweise Sonderangebote auf diese Weise besser vermarkten, Immobilienunternehmen könnten Häuser anbieten und außerdem hat die Spiele-Industrie plötzlich ganz neue Perspektiven. Mit dem Handy als virtuellem Zeigestab werden Gamer sich plötzlich mit ganz neuen Interaktionsstrategien im urbanen Raum bewegen können, man kann seine Freunde auch fern von den PCs anpeilen. Das ist Zukunftsmusik, für uns aber bereits heute ein hochinteressantes Forschungsumfeld. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 3. 2006)

Das Interview führte Karin Pollack
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    foto: ftw
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