Den Männern gefallen, ist zu wenig

15. März 2006, 07:00
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Vor 200 Jahren gründete die Pädagogin Betty Gleim die erste Höhere Mädchenschule Bremens

Bildung schadet der Weiblichkeit - dies sei ein humanitätsfeindliches Vorurteil, wusste Betty Gleim schon vor 200 Jahren. Die herrschende Auffassung, dass die Erziehung der Mädchen auf deren spätere Rollen als Gattinnen, Mütter und Hausfrauen ausgerichtet sein müsste, fand sie absurd: "Tausende sind ein Opfer dieses Wahns geworden, Tausende sind in dem Unmut über eine ganz verfehlte Bestimmung in voller Untüchtigkeit und Untätigkeit trostlos zugrunde gegangen, haben ein Leben hingeschleppt, das kein Leben ist". Die Bildung müsse bereits bei den Müttern beginnen, damit diese auf dementsprechende Erziehung ihrer Kinder Wert legen. Denn, so war sie überzeugt: "Alle großen Männer haben ausgezeichnete Mütter gehabt!"

Anleihe bei Rousseau

Gleim war zwar selbst eine "höhere Tochter", die durch eine "kluge und weltoffene Mutter", wie sie gesagt hatte, schon früh zum Lesen und Mitdiskutieren im bürgerlichen Elternhaus angeregt worden war, doch kam sie nicht umhin, ihr Wissen durch verschiedene Selbststudien zu ergänzen. Sie verfolgte mit Interesse die neuen Ideen zur Jugenderziehung und Ausbildung, wie sie Jean Jacques Rousseau vertrat. Doch seine pädagogischen Neuerungen hatten einen Haken: Mädchen kamen in diesem reformierten Erziehungskonzept lediglich in Bezug auf Männer vor. Rousseau war der Auffassung, dass "Die ganze Erziehung der Töchter (...) ihre Absicht auf das männliche Geschlecht haben (muss). Den Männern gefallen und nützen, sich ihre Liebe und Hochachtung erhalten, sie verpflegen, ihnen raten, sie trösten, ihnen das Leben annehmlich und süß machen, das sind zu allen Zeiten die Pflichten des weiblichen Geschlechts, diese muß man dasselbe von Jugend auf lehren".

"Klipp- und Winkelschulen"

Betty Gleim ließ sich nicht entmutigen und machte sich daran, die Erziehungsziele für Knaben auch auf Mädchen zu übertragen. Sie wollte den Frauen zeigen, dass ihre Aufgabe "nicht im Dulden und Leiden, Schweigen und Ertragen läge, sondern im Erkennen und Lernen, im Begreifen und Tun, im Selbstständigwerden". Sie las alle Schriften der wesentlichen Pädagogen und PhilosophInnen ihrer Zeit und besuchte renommierte Erziehungsinstitute wie jenes des bekannten Pestalozzi. Schritt für Schritt arbeitete sie an den Grundlagen ihres pädagogischen Konzepts. Obwohl sie wusste, dass es zu ihrer Zeit keine LehrerInnenausbildung gab, war ihr gleichzeitig bekannt, dass Frauen trotzdem unterrichteten. Und zwar bereits seit Beginn des 17.Jahrhunderts in so genannten "Klipp- und Winkelschulen", die illegal neben den ordentlichen Schulen existierten. Diese waren in Wohnungen von Witwen, Näherinnen, Seemannsfrauen etc. eingerichtet, die gegen Schulgeld Unterricht erteilten.

Publikationen

1806 hatte Betty Gleim ihr Ziel erreicht. Sie eröffnete am Spitzenkiel die erste höhere private Mädchenschule Bremens und unterrichtete selbst die Fächer Religion, Geschichte, Geografie, Mythologie sowie mündlichen und schriftlichen Ausdruck. Nebenbei verfasste sie eine Reihe pädagogischer Werke: 1810 "Die Erziehung und Unterrichtung des weiblichen Geschlechts", die "Fundamentallehre oder Terminologie der Grammatik der deutschen Sprache" und das "Erzählungs- und Bilderbuch zum Vergnügen und zur Belehrung der Jugend". 1809 und 1810 erschienen die beiden Bände "Lesebuch zur Uebung in der Declamation" und 1814 die Abhandlung "Was hat das wiedergeborne Deutschland von seinen Frauen zu fordern?". 1814 veröffentlichte sie die "Randzeichnung zu dem Werke der Frau von Stael über Deutschland" und "Einige Gedanken über Stilübungen". 1815 ergänzte Betty Gleim ihre pädagogischen Schriften mit den "Rechtfertigungen einiger Begriffe der Fundamentallehre".

Bald wurden in ihrer Schule über 80 Mädchen - auch in naturwissenschaftlichen Fächern - unterrichtet. Den späteren Frauenrechtlerinnen wurde sie zum Vorbild.

1827 starb Betty Gleim nach langer Krankheit im Alter von nur 46 Jahren in den Armen ihrer Freundin und Mitarbeiterin Sophie Lasius. (red)

Betty (Ilsabetha) Gleim
Geboren 1781
Gestorben 1827
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